Umgeben von Wortfetischen

Neue gesellschaftliche Bedingungen benötigen neue Begriffe oder alte Begriffe, in denen Sinn neu zusammenfliesst. Der Sinn der Begriffe ist nicht ewig, er fliesst, er verändert sich dauernd, er mäandert durch die Geschichte – in der Aktualität vollständig gesteuert durch Machtverhältnisse, in geschichtlichen Dimensionen ein Sinnkonglomerat, das meist schwierig zu entschlüsseln ist, weil die untergegangenen Machtverhältnisse nur noch teilweise zu durchschauen sind.

In seiner begrifflichen Verfestigung bildet Sinn immer das in Sprache gegossene Abbild der aktuellen gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Deshalb verlieren die Begriffe immer wieder ihren Sinn (Sinn verliert sich oder fliesst weiter in einen anderen Begriff oder verteilt sich auf mehrere andere Begriffe – und umgekehrt wird der entleerte Begriff laufend mit neuem Sinn gefüllt). Häufig werden in der öffentlichen Debatte Begriffe in einer bereits obsoleten Art verwendet, weil deren Sinn sich im Bewusstsein vieler bereits verändert hat.

Das sind «restaurierte Begriffe», wie Max Horkheimer schreibt, «denen Geschichte die Substanz entzogen hat oder die lebten, ehe sie Namen hatten.» Solche Begriffe, schreibt er, würden «zu Fetischen, wie die ewigen Werte und die Persönlichkeit».[1]

Nur wer Wortfetische als solche zu erkennen versucht, kann den Einfallswinkel ihres ideologischen Scheins abschätzen.

[1] Max Horkheimer: Notizen, Gesammelte Schriften Bd. 14. Frankfurt am Main (Fischer) 1988, S. 122.

(25.4.1989, 27.6.1997; 27.11.2017; 06.07.2018)

 

Nachtrag

Für mich eine wertvolle Beobachtung: Man kann Begriffe «in einer bereits obsoleten Art» verwenden, «weil deren Sinn sich im Bewusstsein vieler bereits verändert hat». Wenn ich gegen das «Stückwerk»-Projekt argumentieren müsste, das ich zurzeit fast täglich vorantreibe, dann wäre das ein starkes Argument: Genau genommen verstehe ich nur noch ungefähr, was ich damals habe sagen wollen, und die Spielregel der Nachträge stellt mir eine eigentlich nicht lösbare Aufgabe: Ich verlange von mir, Texte weiterzudenken oder argumentativ in Frage zu stellen, die ich zwar seinerzeit selber formuliert habe, die ich aber nicht mehr genau verstehen kann, weil ich den Begriffen den mir hier und heute geläufigen Sinn unterlege, von dem ich vor einem Vierteljahrhundert nichts wissen konnte – und mich umgekehrt an den Sinn, den ich mir 1989 in die Begriffe dachte, nicht mehr erinnern kann.

(27.11.2017; 06.07.2018)

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