Burgers Sprachalchimie im Metapherngestöber

Die Studie über Paul Celan von Hermann Burger (1942-1989)[1] aus dem Jahr 1974 lesend, habe ich Mühe zu entscheiden, ob Burgers Interpretation von Celans hermetischer Sprache kongenial oder frei halluzinierend sei. Das liegt einerseits an der kognitiven Offenheit von Celans Sprache, andererseits an Burgers literaturwissenschaftlichem Ansatz, das Hermetische aus dem Text – immanent – entschlüsseln zu wollen.

Burgers Problem: Er kann nicht auf einem Wissen, was die zu interpretierenden Texte ungefähr bedeuten, aufbauen, sondern lediglich auf seinem Glauben, dass es ihm – zum Beispiel aufgrund seiner depressiven Grundbefindlichkeit, die ihn vermutlich mit Celan verbunden hat – möglich sei, dessen Lyrik zu verstehen. Als Leser muss ich Burgers Glauben glauben, er könne Celan kongenial interpretieren (sonst müsste ich davon ausgehen, dass er fortgesetzt seine eigenen Probleme in Celans Texte hineinliest).

Meine Zweifel an Burgers Kongenialität: Ich vermute, Celans Leiden war eines an der Welt. Der für mich zur Todessucht neigende Sprachakrobat Burger litt aber vermutlich vor allem anderem an sich selber. Also im Vergleich zu Celan an fast nichts.

Allerdings verneige ich mich vor den Leiden beider: Beide Leiden haben schliesslich in den Suizid geführt.

[1] Hermann Burger: Paul Celan – Auf der Suche nach der verlorenen Sprache. Frankfurt am Main (Fischer) 1989.

(17.11.1989; 07.+09.11.2017; 29.06.2018)

 

Nachtrag

Der Begriff «Metapherngestöber», den ich 1989 über dieses Werkstück gesetzt habe, verwende ich seit vielen Jahren auch umgangssprachlich. Er ist eine Wortschöpfung Celans und stammt aus dem Zyklus «Atemwende». Ich bin bis heute keiner klareren Formulierung für das begegnet, was die Menschen im öffentlichen Raum kommunikativ veranstalten (und häufig mit «Wahrheit» verwechseln). Was dagegen für Celan Sprache wäre – so verstehe ich die entsprechenden Verse –, umschreibt er so: «EIN DRÖHNEN: es ist / die Wahrheit selbst / unter die Menschen / getreten, / mitten ins / Metapherngestöber.»[1]

[1] Paul Celan: Gesammelte Werke, Band 2. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1986, S. 89.

(17.09.1997; 29.06.2018)

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