Kultur und sozialer Wandel. Ein Thesenspiel

1.

Die wirksamen ökonomischen, technologischen, politischen und soziokulturellen Prozesse vereinigen sich zum zivilisatorischen Prozess; dieser schreitet als andauernder sozialer Wandel fort.

2.

Sozialer Wandel resultiert demnach aus der Summe von Prozessen, deren Intensitäten jederzeit variabel sind und  deren resultierende Stossrichtung sich demnach andauernd verändert. Sozialer Wandel schreitet als Summe dieser Kräfte zwar kausal fort; dass er sich aber final, als Fortschritt hin zu einer gesellschaftlichen Utopie entfalte, ist ein Ideologem der Weltverbesserungsrhetorik.

3.

So wie die kulturellen Prozesse als soziokulturelle auf den sozialen Wandel wirken, so wirkt der soziale Wandel umgekehrt auf die kulturellen Prozesse. Jeder kulturelle Prozess lässt sich – auch – aus dem sozialen Wandel erklären, jeder soziale Wandel unter anderem aus dem Zusammenspiel von kulturellen Prozessen. Diese fortwährende Wechselwirkung erzwingt die dauernde Anpassung und Neufassung gesellschaftlicher Normen, gruppenspezifischer Werte und individueller Identitäten.

4.

Je langsamer sich sozialer Wandel vollzieht, desto ausgeprägter treten in kulturellen Prozessen Normen, Werte und Identitäten hervor. Beschleunigt sich umgekehrt der soziale Wandel – vorab durch die technologische Weiterentwicklung gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion; in zweiter Linie, unsystematisch, aber ab und zu spektakulär, durch politische Intervention – beginnen Normen, Werte und Identitäten zunehmend zu diffundieren und sich zu «verflüssigen». Der Wille zu ihrer fixierenden Ausprägung hält sich dann, als «wertkonservatives» Denken und Verhalten, zunehmend nur noch an den Rändern der Gesellschaft. Der soziale Wandel – und bei Bedarf der politische Versuch seiner Beschleunigung – ist die verhindernde Kraft gegen das Hereinbrechen der Ränder, wie es sich Ludwig Hohl erhofft hat.[1]

5.

Je schneller sich sozialer Wandel vollzieht, desto dominanter wird die Ungleichzeitigkeit als segmentierende Kraft. Dadurch werden die Interessenlagen zwischen gesellschaftlichen Klassen respektive Schichten, zwischen den Generationen und Geschlechtern sowie zwischen Zentren und Peripherien zunehmend widersprüchlich. Ansätze von kulturellen Prozessen – funktional dann, wenn sie Widersprüche durch die Produktion von Sinnhaftigkeit versteh- und dadurch akzeptierbar machen –  verlieren sich immer häufiger unrezipiert im Leeren, werden in immer kürzerer Zeit obsolet, bis schliesslich die Zeit zu kurz wird, um ein Minimum an stabilisierenden Werten auszubilden, die zur Initiierung neuer solcher Prozesse eine Voraussetzung wären. Die beschleunigenden Faktoren des sozialen Wandels dominieren dann die kulturellen Prozesse bis zu deren völliger Verdrängung. Der soziale Wandel stösst die kulturellen Prozesse als bremsenden Teil ab und drängt sie zentrifugal an die gesellschaftlichen Ränder; in dem Mass, in dem er sich den tendenziell bremsenden kulturellen Prozessen entledigt, erhöht sich das Tempo des sozialen Wandels.

6.

Kulturelle Prozesse zielen in Zeiten beschleunigten sozialen Wandels demnach zuallererst auf dessen Verlangsamung, um jenen Faktor zu verteidigen, ohne den sie überhaupt unmöglich werden: Zeit. Und zwar jene Zeit, die ökonomisch noch nicht besetzt, also noch nicht Geld ist. (So gesehen ist heute der Wertkonservativismus der kritischen Geister gegen den alle gesellschaftlichen Bereiche deregulierenden Neoliberalismus die Notwehr der Kultur gegen den aus den Fugen geratenden sozialen Wandel.)

7.

Ich halte es für möglich, dass die multimediale elektronische Revolution, die die weitgehende Überdeckung der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch Cyber-Realitäten (also durch marktgängige Produkte) ermöglicht, die Kultur als Prozess vollständig verdrängen könnte.

[1] Ludwig Hohl: Von den hereinbrechenden Rändern. Nachnotizen. Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1986, S. 91-94.

(16.+23.08.1996; 19.10.2017)

 

Nachtrag zur These 2

Erst allmählich habe ich eingesehen, dass der Gegenbegriff zur bewahrenden Bewegungslosigkeit nicht Fortschritt, sondern bloss Veränderung ist. Dass ich zuvor voraussetzte, gegen beharrende gesellschaftliche Kräfte sei Veränderung in jedem Fall Fortschritt, machte mich noch nicht zum Linken, sondern zum Naivling. Betrachtet man gesellschaftliche Veränderungen im Rückblick, sind sie aus einer bestimmten gesellschaftspolitischen Position nur in Ausnahmefällen und über kurze Zeit als «Fortschritt» oder als «Rückschritt» erkennbar. Veränderungen sind wie Mäander, die sich in alle Richtungen schlängeln und nicht selten einfach abbrechen. Aber egal ob Fortschritt oder Veränderung: Falls gehobelt wird, fliegen Späne. Und ethisch verantwortetes Handeln heisst immer auch: Bietet sich Gelegenheit, so hat man sich in jeder Situation neu bewusst auf die Seite der Hobler oder auf jene der Späne zu stellen. (Auch wenn Linke hobeln, fliegen bekanntlicherweise Späne.)

(28.04.2006)

 

Nachtrag zur These 4

Hohls Argument in den «Nachnotizen» (vgl. Fussnote 1 des Werkstücks): «Die Mitte hat keine Kraft, sich zu erneuern.» Der Wandel komme – wie das Gewitter, das schliesslich «die Mitte zerschmettert» – vom Horizont, von den Rändern her: «Zuerst wird ein Neues gesehen in den Randbezirken, an den zerfasernden Orten der Nebenerscheinungen. […] Langsamer oder rascher, oft unmerklich und bisweilen auch in einem gewaltigen Ruck, schieben sich diese Nuancen-Entdeckungen in den Tag hinein, mehr und mehr der Mitte zu, beherrschen endlich die Welt.» Ich verstehe in meiner These sozialen Wandel demnach als Kraft gegen jene für Hohl zweifellos kulturelle, inhaltliche, die die Mitte erneuern will. Ich meine mit anderen Worten, dass der soziale Wandel eine Inszenierung sei gegen die inhaltliche Erneuerung der Mitte. Dieses Paradox muss präzisiert werden: Im Sinn der «Mitte» ist sozialer Wandel dann funktional, wenn er dazu dient, die Erneuerung vom Rand her, die auch die Veränderung der Machtverhältnisse bedeuten kann, zu verhindern. Sozialer Wandel meint so gesehen das ungestört wirbelnde Hamsterrad. Hohl dagegen hoffte – das schliesse ich aus seinem Bild vom Gewitter, das die Mitte zerschmettere –, dass das Hereinbrechen der Ränder den sozialen Wandel in neue, von diesem her gesehen dysfunktionale Bahnen zu lenken vermöge. Aus der Sicht der Mitte bedeutet das Hereinbrechen der Ränder demnach Revolution.

(28.04.2006; 26.06.2018)

 

Nachtrag zur These 6

Allerdings gibt es auch einen Wertkonservativismus der unkritischen Geister, quasi einen von «rechts». Und auch der wäre wohl aus der Notwehr gegen den Neoliberalismus zu erklären. Demnach müsste ich argumentieren: Die Notwehr von «rechts» bremst, um das Geld, den Besitzstand zu verteidigen, die Notwehr von «links» tut das gleiche zur Verteidigung der Zeit im Dienst von kulturellen Prozessen. Bloss überzeugt mich das nicht, weil auf kulturellen Prozessen keine Weltanschauung das Monopol hat, wie die These 6 nahelegt. Und abgesehen davon: Was bleibt von der realpolitischen «Linken» hier und heute übrig, wenn ich das Bemühen um Besitzstandwahrung (das ich hier «rechtem» Wertkonservativismus zurechne) abziehe?

(19.10.2017; 26.06.2018)

 

Nachtrag zur These 7

Würde die Eliminierung der kulturellen Prozesse gelingen, so wäre die Rede von ihnen insgesamt obsolet, insofern sie mehr und anderes bezeichnen soll als die Herstellungsabläufe von kulturellen Produkten, also von Kunst. Ob die Kultur ihre Aufgabe, gesellschaftliche Widersprüche durch die Produktion von Sinnhaftigkeit versteh- und dadurch akzeptierbar machen, auch dann noch irgendwie wahrnehmen könnte, wenn neue Technologien via Markt kulturelle Prozesse vollständig durch Produkte zu ersetzen vermöchten, ist offen. Gelingt diese Substitution der Prozesse durch die Produkte nicht, könnten die Ränder gerade dann – dysfunktional – hereinzubrechen beginnen, wenn die «Mitte» diese Gefahr durch die Überwindung der Kultur als Prozess endgültig überwunden glaubt.

Das möchte ich Ludwig Hohl und der Welt gönnen. Allerdings hoffe ich, dass eine solche Revolution die Mitte nicht totschlagen, sondern bloss kaputtlachen müsste, um sie in ihre Schranken zu weisen.

(28.04.2006; 26.06.2018)

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