Notizen eines Kulturrevolutionärs

Wenn 1989 denn wirklich eine Zeitenwende stattgefunden hat, so lebe ich nun in einer Zeit, in der auf Jahrzehnte hinaus die systemrevolutionäre Option zur Eindämmung und Überwindung des Kapitalismus uneinlösbar geworden ist.

In dieser Situation wird die Lehre, die ich aus der Geschichte der 68er Bewegung ziehe, aktuell: Auch damals ist die systemrevolutionäre Opposition vollständig gescheitert, trotzdem hat sie als lebensweltlich-widerständige vieles erreicht und in Bezug auf die Werte einiges gar revolutioniert.

Daraus schliesse ich: Die eminent effizienten und fundamental unvernünftigen politisch-ökonomischen Strukturen des Kapitalismus sind hier und heute direkt nicht anzugreifen, wohl aber indirekt, durch die Untergrabung der Werte, die zum Funktionieren des zudienenden «Humankapitals» notwendig sind.

Der Kampf gegen die fortschreitende Zerstörung der sozialen und ökologischen Grundlagen weltweit durch den Kapitalismus ist hier und heute nur als Kulturkampf denkbar.

(11.07. + 15.09.1996; 18.08.2017)

 

Nachtrag 1

Gut gebrüllt, Löwe! Seit dem 11. September 2001 reden tatsächlich viele vom «Kampf der Kulturen». Allerdings meint dieser «Clash of civilizations» (Samuel P. Huntington, 1998) – nach dem Sieg über den im Wesentlichen in Europa entstandenen Sozialismus – bereits den Kampf gegen die kapitalismushemmenden Werte in der restlichen Welt, insbesondere in ihrem islamischen Teil.

Meine Hoffnung auf einen Kulturkampf der lebensweltlichen Emanzipation war deshalb naiv, weil ich damals noch nicht begriffen hatte, dass der Kulturkampf – von der Gegenseite geführt – längst und erfolgreich im Gang war. Seit 1989 ist – in der Schweiz zum Beispiel – nicht der Kapitalismus durch eine kulturelle Opposition in die Defensive gedrängt worden, sondern umgekehrt hat das soziale Netz, das die Menschen vor der ungehemmten Aggressivität des Kapitalismus schützte, Jahr für Jahr mehr Risse und Löcher bekommen. Der real stattfindende Kulturkampf richtet sich gegen die existenzsichernden sozialen Strukturen.

Der Kapitalismus installiert eine neue Kultur der Existenzangst – jener Urangst des Herdentiers Mensch, den Anschluss an die Herde zu verlieren, die andern ziehen lassen zu müssen, deshalb allein zu bleiben und psychisch und physisch unterzugehen. Auf diese Angst kann das Individuum nur subjektiv reagieren; Angst kennt keine gesellschaftlichen Bedingungen oder Entlastungen durch Solidarität. Auf diese Angst zielt die Ideologie des Sozialstaat-Abbaus, wenn sie von «Selbstverantwortung» spricht. Fundament der christlich-kapitalistischen Welt soll wieder das Paulus-Wort an die Thessalonicher werden – das es nota bene sogar in die Verfassung der Sowjetunion geschafft hat: «Und da wir bey euch waren / geboten wir euch solchs / das / so jemand nicht wil erbeiten / der sol auch nicht essen.»[1]

In den USA, in Kanada und in Grossbritannien wurde diese Ermahnung in säkularisierter Form seit den frühen achtziger Jahren in den Abbau der «Wohlfahrtsstaaten» umgesetzt: Was «welfare» war, wurde so «workfare». «Workfare» bedeutet, dass «die materielle Absicherung im Falle drohender Armut neu systematisch an die Bedingung geknüpft [wird], dass dafür von seiten der Sozialleistungsbeziehenden wo immer möglich sogenannte Gegenleistungen erbracht, das heisst, irgendwelche definierte Arbeiten verrichtet werden müssen.»[2] Wer unverschuldet arbeitslos wird, soll demnach Arbeit zu jeder Bedingung annehmen müssen, sonst kann ihm der Staat die Existenzgrundlage des Arbeitslosengeldes entziehen.

Dieser kapitalistische «Kulturkampf», scheint mir, ist zu vergleichen mit zwei grossen Mahlsteinen: Der obere Stein ist der Arbeitsmarkt, der im untersten Bereich durchlässig ist und von allen, die nicht hinunterfallen wollen, bei immer weniger vertraglichen Garantien immer mehr verlangt. Der untere Stein besteht aus der Maschine der Arbeitslosenunterstützung, in der die Abstürzenden mit «Workfare»-Methoden diszipliniert werden – insbesondere mit der ständigen Drohung, noch weiter, in die Sozialhilfe abzustürzen und damit der Annehmlichkeiten eines Lebens in relativer materieller Sicherheit möglicherweise endgültig verlustig zu gehen.

Ich gehe davon aus, dass in den zehn Jahren, seit ich wohlgemut den «Kulturkampf» postuliert habe, dauernd um die zwei bis vier Prozent der hiesigen Bevölkerung zwischen diesen beiden Mahlsteinen um ihr soziales Überleben gekämpft haben und zum Teil zerrieben worden sind. Was schert es den Kapitalismus dieses Landes da, dass ein kleinbürgerlicher Journalist, der sich nie über eine Nischenöffentlichkeit hinaus Gehör zu verschaffen verstanden hat, vom kulturkämpferischen Widerstand einer lebensweltlichen Emanzipation träumt, dem anzuschliessen er sich vielleicht selber nicht einmal getraute: Immerhin muss er als freier Journalist aufpassen, dass er weiterhin zu Aufträgen kommt. Seine Reserven wären schnell aufgebraucht und das Risiko gross, dass er selber zwischen die Mahlsteine dieses kapitalistischen Kulturkampfs geraten würde. Also vorsichtig sein, rät die auch in ihm neu aktivierte Urangst.

[1] Martin Luther: Biblia. Wittemberg 1534: 2. Thess. 3, 10. – In der Verfassung der UdSSR vom 5. Dezember 1936 heisst es im Artikel 12: «Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: ‘Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen’.»

[2] Kurt Wyss: Workfare in der Sozialhilfereform, in: Widerspruch, Nr. 49/2005, S. 73.

(29.04.2006; 08.05.2018)

 

Nachtrag 2

Dank der Sparsamkeit und dem Fleiss meiner unterdessen verstorbenen Eltern und dank der Grosszügigkeit meiner Brüder im Erbgang könnte ich heute als freier Schreiber wieder mutiger auftreten. Bloss: Allein in diesem Jahr sind in der Printmedienbranche schweizweit bereits rund fünfhundert Kolleginnen und Kollegen entlassen worden. Hier wartet niemand auf einen 55jährigen Verbalradikalen, der sich eben die Freiheit nahm, sich im Dienst einer C. A. Loosli-Werkausgabe drei Jahre lang als Journalist zu dequalifizieren und erst noch stolz darauf ist, bis heute kein Handy bedienen zu können.

(07.2009)

 

Nachtrag 3

Der Nachtrag 2 ist kulturkonservatives Gejammer. In den letzten Tagen habe ich nun für das elektronische Medium Journal B sieben Beiträge redigiert, hochgeladen und freigeschaltet, davon einen selber verfassten. Und letzthin habe ich mir ein neues Handy gekauft, das Fotos liefert, die für Journal B brauchbar sind. Innert weniger Jahre habe ich mich vom standespolitisch stolzen Zeitungsjournalisten zu einem Medienmenschen gewandelt, der auf der Basis der elektronischen Möglichkeiten schreibt, redigiert, korrigiert, fotografiert und Bilder organisiert, layoutet, hochlädt, freischaltet und mit Facebook-Meldungen bewirbt.

Aber darf ich das überhaupt, als Gewerkschafter, der ich bin? Nehme ich so nicht einer ganzen Reihe von Kolleginnen und Kollegen die Arbeit weg? Darauf antworte ich: Abgesehen davon, dass Journal B kaum Geld hat und ich deshalb für ein nicht existenzsicherndes Fixum arbeite (750 Franken brutto/mtl.)[1], ist es so: Ab 1985 war ich als Journalist Mitglied der Schweizerischen Journalistenunion, die später Schweizerische Journalistinnen- und Journalistenunion hiess, dann in der Gewerkschaft Comedia und schliesslich in der Gewerkschaft syndicom aufging. Am 10. Juni 2012 habe ich der zuständigen syndicom-Zentralsekretärin Stephanie Vonarburg folgendes geschrieben:

«Ich nehme den ‘BR-Check 2012’, den Du mir letzthin hast zukommen lassen, zum Anlass, um hiermit meinen Austritt aus der Gewerkschaft syndicom zu erklären.

Der Grund ist einfach: Ohne zu lügen könnte ich heute nicht mehr bestätigen, in einem berufspolitischen Sinn ‘mindestens 50 Prozent meiner Berufstätigkeit dem Journalismus zu widmen’, weil ich letzthin meinen verbliebenen Arbeitgebern (ausser Work/Unia) mitgeteilt habe, als ‘freier Journalist’ nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Die Wahrheit ist, dass ich mich als freier Mitarbeiter im Printmedienbereich nicht habe halten können. Darum ist es jetzt sowieso richtig, meinen Namen aus dem Berufsregister zu streichen.

Der einzige Grund, den ich für mich im Moment noch sehen würde, syndicom-Mitglied zu bleiben, wäre der Vorhalt, ich müsse mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Printmedienbranche – in einer anderen war ich ja nie tätig – solidarisch sein. Ich habe mich entschieden, darauf zu antworten: Nein, das muss ich nicht. Die einzigen Leute, die sich, ohne zu PR-Söiniggeln zu werden, in den kommenden Jahren in dieser Branche noch werden halten können, sind die Festangestellten der verbliebenen Medienhäuser – also jene, die mich in der letzten Zeit zunehmend für einen Tagesansatz von 120 bis 150 Franken brutto haben arbeiten lassen. Es gibt auf der Welt noch Leute, mit denen solidarisch zu sein ich mich verpflichtet fühle. Die eben Erwähnten gehören nicht dazu.»

Seither entrichte ich meinen Obolus der Solidarität an die Gewerkschaft Unia. Nicht wegen der Gewerkschaft oder weil ich mich als Work-Mitarbeiter verpflichtet fühle, einen Teil des Honorars zurückzugeben. Bei Work habe ich die Mitarbeit auf Ende 2014 beendet. Solidarisch bin ich mit all den Unia-Mitgliedern von Bau, Industrie, Dienstleistung und Gewerbe, von denen sich mir zwischen 2004 und 2014 an die zweihundert zur Verfügung gestellt haben für Work-Berufsporträts. Dabei bin ich vielen Leuten begegnet, die mich beeindruckt haben.

[1] Dieses Fixum habe ich auf Ende September 2017 gekündigt, um mich auf das «Stückwerk»-Projekt konzentrieren zu können.

(10.6.2012; 18.08.2017; 08.05.2018)

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