Wissen ist «stückwerck»

Am 30. Januar 2008 ist mein Vater gestorben. Einige Tage später verwendet der Pfarrer anlässlich der Abdankung in der Dorfkirche Roggwil für seine Andacht die einzige Bibelstelle, in der das Wort «Stückwerk» auftaucht. Mir schien die Passage neu, obschon sie in einer der bestbekannten Sentenzen des Neuen Testaments endet. In seiner Bibelübersetzung von 1534 hat Martin Luther so übersetzt: «Die liebe wird nicht müde / so doch die weissagung auffhören werden / und die sprachen auffhören werden / und das erkentnis auffhören wird. / Denn unser wissen ist stückwerck / und unser weissagen ist stückwerck / Wenn aber komen wird das vollkomen / so wird das stückwerck aufhören. […] Itzt erkenne ichs stücksweise / denn aber werde ich erkennen / gleich wie ich erkennet bin. Nu aber bleibt glaube / hoffnung / liebe / diese drey / aber die liebe ist die grössest unter jnen.»[1] Offenbar ist die metaphorische Verwendung des Begriffs «Stückwerk» eine luther’sche Innovation.[2]

Die Hauptargumentation des Apostels Paulus geht in dieser Briefstelle also dahin, die Überlegenheit der Liebe über Glaube und Hoffnung und die Überlegenheit dieser drei über die Bruchstückhaftigkeit des Wissens zu betonen. Wenn ich die Passage richtig verstehe, wird hier gesagt, es gebe Bewusstsseinsmodi, die bloss dazu taugten, die Welt in Fragmenten wahrzunehmen – eben «wissen» und «weissagen» – und solche, die den ersteren deswegen überlegen seien, weil sie die Wahrnehmung einer Ganzheit erlaubten: die Modi von Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn ich dieser Sicht der Dinge Adornos Diktum gegenüberstelle, wonach «Das Ganze […] das Unwahre» sei[3], wird die Bruchlinie deutlich, die den Bewusstseinsmodus Glauben und Hoffen von jenem des Denkens und Wissens trennt: Für das Wissen ist der Glaube – als Behauptung eines Ganzen – unwahr. Für den Glauben ist das Wissen – als Stückwerk – defizient.

Ich habe mich in diesem Leben für den Modus des Wissens entschieden – nicht weil ich dessen Stückwerkhaftigkeit bestreiten würde und nicht weil ich mich berufen fühle, gegen einen Glauben zu polemisieren. Zu Glaubendes geht mich einfach nichts an und ich verbitte mir, von Missionierenden behelligt zu werden. Der Missionsbefehl am Schluss des Matthäus-Evangeliums hat über die Menschheit Unglück in weltgeschichtlichem Massstab gebracht.

Der Grund, weshalb ich im Modus des Wissens – der gleichzeitig immer in viel grösserem Mass der Modus des Nichtwissens ist – leben will, ist folgender: Im Wissensmodus können Aussagen überprüft, bestätigt oder falsifiziert werden. Wer in diesem Modus aus irgendwelchen Interessen zu tricksen beginnt, kann der Flunkerei, der falschen Aussage, der Lüge, des Betrugs überführt werden. Was im Modus des Glaubens verhandelt wird, ist stets als Ganzes unhinterfragbar wahr und deshalb indiskutabel. Deshalb werden in diesem Modus, das zeigt die Religionsgeschichte bis auf den heutigen Tag, systematisch Schwachsinn, Unwahrheiten und Unmenschlichkeiten als unhinterfragbare Wahrheiten tabuisiert (vom katholischen Zölibat als Schwachsinn über den evangelikalen Kreationismus als Unwahrheit bis zur Unmenschlichkeit des Paradiesversprechens für Massenmörder im Islam).

Der Glaube führt im Notfall zu Mord und Totschlag fürs Paradies; das Wissen nicht weiter als – über den Zweifel – zu einer stets prekären Menschgemässheit. Diese ist Gift für jedes Heldentum. Die Welt wird immer mehr froh sein um Menschen, die sich nach Kräften anstrengen, wissend nicht über das «Stückwerck» hinauszukommen und dieser Einsicht handelnd Rechnung zu tragen.

[1] 1. Korintherbrief 13, 8-13, zitiert nach: Martin Luther: Biblia / das ist / die gantze Heilige Schrift Deutsch (Wittemberg 1534). Leipzig (Verlag Philipp Reclam jun.) fotomechanischer Nachdruck 1983, o. S.

[2] Laut dem «Deutschen Wörterbuch» von Jacob und Wilhelm Grimm (Leipzig, 1854-1960, Band 20, Spalte 252f.) ist der Begriff «Stückwerk» zwar schon seit Ende des 14. Jahrhunderts in der Sprache der Handwerker belegt. Dort stehe er für «accordarbeit, arbeit, die nach dem einzelnen abgelieferten Stück entlöhnt wird». Luther sei dann bei der Übersetzung des 1. Korintherbriefs der erste gewesen, der den Begriff nachweislich «mit der […] neuen Bedeutung gefüllt» und im Sinn von «unvollkommenes, mangelhaftes, unfertiges» (ebenda) verwendet habe.

 [3] Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1991/20, S. 57.

(10.03.2008; 25.+30.01.2018)

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