Hamsterradkultur

Beschleunigung kann hier und heute als eines der wirkungsvollsten Mittel verstanden werden, um Herrschaft auszuüben. In der Summe der elektronisch revolutionierten, industriellen und medialen Beschleunigungen beschleunigt sich auch der soziale Wandel. In der Beschleunigung dieses Wandels liegt ein unübersehbares disziplinierendes und herrschaftsstabilisierendes Potential: Sie verhindert immer vollständiger die Entstehung, das Wachstum und die Konsolidierung von Identität, von Zu-sich-selber-Kommen und Halt-Sagen. Ohne Identität jedoch gibt es – in meinem Verständnis, will ich vorsichtigerweise beifügen – keine Kultur. Kultur wiederum wäre jene Instanz, die auch Werte der Langsamkeit – des Wachsenlassens statt Produzierens, des Werdens statt des Gemacht-Werdens – setzen kann gegen die Wachstums- und Beschleunigungsstrategie des Kapitals.

Die fundamentale Unkultur hier und heute besteht darin, dass der existentielle Antrieb, «Ich» zu werden, der kulturelle Impuls also, mittels Beschleunigung des sozialen Wandels immer mehr in die Bahnen der systemkonformen Produktion gelenkt wird.

Im Hamsterrad erschöpft sich die Aktivität darin, um das eigene Leben zu rennen. Darum können Hamster das Rad nicht kritisieren, das sie zu Tode hetzt. Kultur wäre, auszusteigen und die Drehradkonstrukteure zur Rede zu stellen.

(18./21.01.1993; 19.12.2017; 16.07.2018)

 

Nachtrag 1

Man könnte im Sinn von Georges Orwells «1984» eine Dystopie schreiben, in der die Beschleunigung monokausal als Motor einer totalitären Herrschaft gezeigt würde. Eine Welt, in der die reflexionstötende Beschleunigung so weit getrieben wäre, dass die physische und psychische Ausbeutung und Ausbeutbarkeit der Menschen ein Maximum erreicht hätte. Überbaut wäre diese Welt mit einer Staatsideologie der weise machenden Langsamkeit. Als Hochverrat gälten aber gleichzeitig all jene Handlungen, die dazu dienten, Entwicklungen und Prozesse zu verlangsamen. Bereits Vorbereitungshandlungen dazu würden als Terrorismus verfolgt, Denken und Lieben zum Beispiel würden pathologisiert oder kriminalisiert.

Aus dieser Zwangsstruktur wäre der Plot zu entwickeln – am besten eine Liebesgeschichte. Die Krise entstünde dadurch, dass die Frau ungewollt schwanger würde, das Kind aber behalten möchte, was in diesem System selbstverständlich ebenfalls Hochverrat wäre, weil man Nachwuchs längst industriell in Legebatterien produzieren würde und das Austragen eines Einzelkindes kriminelle Zeitverschwendung wäre. So wäre der Widerspruch zwischen ethisch verantwortetem Handeln des Paars und totalitärem Dogma des Systems konstruiert. Er könnte nach Massgabe der Wünsche eines Verlags episodisch ad libitum ausgepinselt werden.

(19.12.2001; 12.+19.12.2017)

 

Nachtrag 2

Ich bin nicht mehr der Meinung, dass beschleunigter sozialer Wandel zu einer «fundamentalen Unkultur» führe. Jede soziale Konstellation repräsentiert auch eine Kultur. Der Begriff «fundamentale Unkultur» ist deshalb unbrauchbar. Abgesehen davon bin ich nicht mehr der Meinung, die Konsolidierung der Identität im Sinn der Ichstärkung sei eine vordringliche Aufgabe der Kultur. Heute wichtiger wäre zweifellos eine Kultur, die ein solidarisches Wir wieder denkbar und lebbbar machen würde. Richtig ist aber zweifellos, dass es die beschriebene Beschleunigung gibt und dass sie seit 1993 weiter stark zugenommen hat.

Seit einiger Zeit beobachte ich an mir, dass ich Bücher, die meine Arbeit immer begleitet haben, zunehmend mit einem gemischten Gefühl zur Hand nehme, auch wenn sie eindeutig zum Thema gehören, das mich beschäftigt. Mir ist dann jeweils bewusst, dass ich beim Lesen Zeit für anderes verlieren werde. Zeit, um anderes zu lesen, zu hören oder anzuschauen. Dabei ist es längst so, dass es eigentlich egal ist, was ich lese, höre oder anschaue, weil ich erfahrungsgemäss immer seltener jemandem begegne, mit dem ich mich darüber unterhalten kann, bevor der Eindruck von anderem überdeckt wird.

Ein Charakteristikum der Kultur in derart beschleunigten Zeiten ist es, dass ich als Konsumierender in die Rolle einer Kulturmonade gedrängt werde, die – nachdem der Feuilletonismus als wertender Transmissionsriemen zwischen Produktion und Rezeption in den letzten zwanzig Jahren weitgehend weggefallen ist – orientierungslos durch die ungeheure Warensammlung des kulturindustriellen Supermarkts irre. Der einzige Kompass, der mir geblieben ist, ist der konsolidierte Verdacht, dass ich auf einem Provinzbahnhof stehe und die Schnellzüge, in denen man sitzen müsste, an mir vorbeibrausen.

Auf dem heutigen Mittagspaziergang habe ich mir eine Geschichte ausgedacht: Morgens im Bus, kurz vor sieben, setzen sich im Gedränge ein Mann und eine Frau achtlos nebeneinander, beide kaum zwanzig. Zwar meldet der flüchtige Blick aus den Augenwinkeln beiden ein sofort vergessenes Nichtschlecht. Gleich danach haben sie beide – entzeitlicht und entortet wie alle anderen – ihre Geräte vorm Gesicht. Sie liest für eine Prüfung Heraklit, er schaut sich mit hastig übergestülpten Kopfhörern einen Science Fiction-Blockbuster an, die neuste Beschleunigungsdiktatur-Dystopie, als Ablenkung vor dem Arbeitstag. Am Hauptbahnhof steigen sie beide aus und eilen im Gedränge in verschiedene Richtungen davon. Scheisse, ich habe die beiden doch füreinander bestimmt, so macht es einfach keinen Spass mehr, denkt das Schicksal.

Womit ich doch nach der Dystopie auch noch eine richtige Liebesgeschichte entworfen habe.

(13.+19.12.2017; 16.07.2018)