Linke Kultur? «Uns» gibt es nicht

These: Zwischen 1968 und 1980 war das Linkssein der neuen Linken eine Frage kognitiver Konstellationen (also primär eine Frage des richtigen Bewusstseins, nicht der anderen Lebenspraxis). Der Umschwung in der Achtziger-Bewegung (Gesprächsverweigerung, kulturpolitisches Selbstverständnis etc.) bedeutete eine qualitative Verschiebung von äusserlichem linkem Wissen zu einem linken Lebensstil (das hatte seinen Preis: intellektuelle Regression). 1980 wurde der linke Habitus in der neuen Linken dieses Landes erst zum politischen Fakt (nachdem der Habitus der traditionellen schweizerischen Linken seit dem Zweiten Weltkrieg von zunehmend miefiger Kleinbürgerlichkeit vollständig assimiliert worden war).

Kognitive Konstellation vs. Habitus. Linkssein als kulturpolitischer Standort und als Lebenspraxis vs. Linkssein als von Standort und Praxis abgespaltene intellektuell objektiv richtige Position im Sinn des dialektischen Materialismus («Herzlinke» vs. «Kopflinke»)

In der Geschichte der Arbeiterbewegung mobilisierten die Kongruenzen des Habitus, nicht des Wissens (Vereine, Parteien, Lebenskultur, nachbarschaftliche Hilfe). Das Wissbare – insofern es nicht als Lebbares glaubhaft vermittelt wird – wirkt nicht mobilisierend. Dies als Antithese zur orthodoxen Position des (patriarchalen), sich aus dem Prozess herausnehmenden, sich über die Ereignisse stellenden Aufklärers. «Aufklärung» als öffentliche Bekanntmachung einer überlegenen Wahrheit ist zu wenig, weil sie entfremdet ist vom Habitus als «dem einheitsstiftenden Erzeugungsprinzip aller Formen der Praxis».[1] Linke Aufklärung postulierte den Arbeiter als revolutionäres Subjekt, was mit den real existierenden Arbeitern jederzeit nur wenig zu tun hatte (in Deutschland zum Beispiel gab es um 1930 nationalsozialistische so gut wie kommunistische Arbeiter).

Was würde die Suche nach dem Habitus einer schweizerischen linken Bewegung hier und heute bedeuten? Linkssein nicht als intellektuelles Positionsspiel, sondern als kulturpolitisch fassbares Selbstverständnis, das sich als Lebenspraxis von einer bürgerlichen unterscheidet.

Aus dem Habitus-Mangel folgt kognitive Zerstrittenheit und immer weitere Zerstreitbarkeit der Linken schon aus Identitätsgründen: Sie hat ja sonst nichts als die kognitive «Wahrheit». Wo kein umfassender Lebensstil das «richtige» Leben begründet, wird es mit dem «richtigen» Argument identisch. Die richtige kognitive Bewältigung des nicht beeinflussten/beeinflussbaren Lebens wird zum «richtigen» Leben selber, obschon es so «falsch» bleibt wie eh und je.

Bestenfalls: Linkssein nicht als Habitus-Mangel, sondern als Sammelsurium verschiedener Habitus-Fragmente, die sich nur schwerlich zu einem homogenen neuen weiterentwickeln.

Ad. «objektive Klasse» als «Ensemble von Akteuren, die homogenen Lebensbedingungen unterworfen sind»[2]: «Wir» sind keine objektive Klasse, insofern gibt es «uns» nicht. Ich möchte es manchmal nur. Dieter Karrer schreibt: «Im Habitus koinzidieren das objektiv Mögliche und das subjektiv Wünschbare, so dass das Unausweichliche als das Gewünschte erscheinen kann.»[3] Daraus die Frage: Genügt äusserer gesellschaftlicher Zwang allein, um linken Habitus zu begründen?

[1] Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Franfurt am Main (Suhrkamp) 1987, S. 283.

[2] Bourdieu, a.a.O., S. 175.

[3] Dieter Karrer: Biographie, Habitus und kulturelle Praxis, In Widerspruch Nr. 14/1987, S. 47.

(Notizzettel in: Widerspruch Nr. 14/1987; 3.7.1997; 13.12.2017; 12.07.2018)

 

Nachtrag 1

wir

wir sind zerbrechlichen geschlechts
hier folgen seitenweise tagesmeldungen

zukunft straft uns mit ungläubigem lächeln
hier folgen seitenweise tagesmeldungen

unsere vergangenheit wird täglich unwahrscheinlicher
hier folgen seitenweise tagesmeldungen

wir zersplittern durch den tag
vorwärts

(Herbst+15.12.1987, 02.05.1991)

 

Nachtrag 2

Im letzten Frühling hatte ich für die «Neuen Wege» Gelegenheit, die Geschichte der Arbeiterkultur am Beispiel des roten Bümpliz ein wenig genauer anzuschauen. Die Recherche bestätigte mir, was meine Überzeugung ist, seit ich 1988 für eine andere Reportage in der Bibliothek der Gewerkschaftsektion GTCP Derendingen gestanden habe (siehe hier, Abschnitt III): Mit dem Aufschwung nach dem Zeiten Weltkrieg, der zur Einführung der AHV auf 1948 und dem Wohlfahrtsstaat der 1950er Jahre führte, war der kulturelle Impuls der Arbeiterbewegung am Ende. Heute verteidigt die Sozialdemokratische Partei die Interessen eines – solange der Besitzstand gewahrt bleibt – sozial und ökologisch denkenden Mittelstands, die Gewerkschaften verteidigen die Gesamtarbeitsverträge der ArbeiterInnenaristokratie. Wer sich von dieser traditionellen Linken nicht mehr vertreten fühlt, wechselt zu den Rechtsnationalen, wo die SVP mit Burezmorge landauf landab für Arbeiterkultur sorgt. Der Titel meiner Reportage für die «Neuen Wege» lautete «Wird Bümpliz wieder rot?» Müsste ich diese Frage heute beantworten, würde ich sagen: Nein.

(13.12.2017; 12.07.2028)