«Wir» – Stichworte zu einem Essay

1.

In der gesellschaftspolitischen Diskussion ist das Pronomen «wir» ein hochkarätiger ideologischer Baustein.

a) Wer «wir» sagt, macht seine Rede wichtig, indem er/sie sich anmasst, stellvertretend für all jene reden zu können, die er/sie in das «wir» einschliesst. Wer «wir» sagt, ist (oder erscheint) für die Rezipierenden mandatiert.

b) «Wir» sagen hat etwas mit einem Machtanspruch zu tun, mit dem Plural majestatis: «Wir» sagen heisst rhetorischen Anspruch erheben auf ideologische Hegemonie in einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort (jenem, der durch das «wir» begrenzt wird). Ist der Machtanspruch nicht gedeckt, verfällt das «wir» der Lächerlichkeit. (Lächerlich wäre zum Beispiel der Arbeiternehmer, der zum Arbeitgeber sagen würde: Wir sitzen doch alle im gleichen Boot. Nicht lächerlich ist umgekehrt der Arbeitgeber, der den gleichen Satz in seiner 1. August-Rede vorträgt mit dem Anspruch, dafür vom Arbeitnehmer Applaus zu erhalten.)

c) Das «Wir» schliesst ein und grenzt aus; wer «wir» sagt, sagt auch: Es gibt solche, die dazu gehören und solche, die nicht dazugehören; solche, die nicht dazugehören wollen (Dissidente, in der Tendenz: Feinde) und solche, die nicht dazugehören dürfen (Fremde, in der Tendenz: Feinde).

d) Je nach dem konnotierenden Zusammenhang hat das «wir» verschiedene Bedeutungen. Nationalstaatlich-chauvinistisch: Wir SchweizerInnen![1]; moralisch-appellativ oder anthropologisch-pastoral: Wir Menschen!; geschlechtsspezifisch: Wir Männer/Frauen! etc.

e) Das Possessivpronomen «unser» dient als affirmativ-identifikatorische Replik auf das etatistische «wir» (Wir müssen etc.), aber auch zur (sozialdemokratischen) Verschleierung von Verantwortlichkeiten und Machtverhältnissen (z. B. «unsere Flüchtlingspolitik»[2]; oder «unsere Gerichte», «unsere Gerichtspraxis», «unser Land»[3]).

2.

Das «Wir» in der aktuellen innenpolitischen Diskussion hat zwei Wurzeln, eine paternalistisch-kleinstaatliche aus der rhetorischen Tradition des 19. Jahrhunderts und eine spezifisch aus der Zeit der geistigen Landesverteidigung gewachsene. In der Zeit des Kalten Kriegs kumulierten die beiden Strömungen: Jetzt beginnt ausserhalb des «Wir» die Zone des Feindes. Unabhängig kritische, intellektuelle Positionen erscheinen feindgesteuert (Pogrom gegen Konrad Farner 1956, Zivilverteidigungsbüchlein 1970 etc.) Die Auseinandersetzung um den ideologischen Baustein «wir» ist seit dem Zweiten Weltkrieg in vier Phasen unterteilbar:

a) Das chauvinistische, antikommunistische «Wir» verteidigt nach 1948 die ideologische Hegemonie. Wer sich dem «Wir» nicht unterzieht, für den gilt: «Gang doch nach Moskou, we’s dr nid passt!»

b) Nonkonformistische Intellektuelle beziehen eine provozierende rhetorische Position im «Nichtwir». Aufgeschreckt schreibt Kurt Guggenheim 1961 in «Heimat oder Domizil?» gerade auch an die Adresse von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, die sich «mit Entschlossenheit von der Heimat abgewendet zu haben scheinen»: «Manchen möchte man zurufen: versöhnt euch wieder mit eurem Vaterland, betrachtet euch wieder als einen seiner Söhne, und möchte die Geste der Versöhnung in nichts anderem bestehen, als dass ihr wieder sagt ‘wir’ statt ‘ihr’.»[4] Übrigens: Was damals noch eine integre, bürgerlich-intellektuelle Position sein mochte, ist heute zu rhetorisch fadenscheiniger PR verkommen.[5]

c) Zur Rekonstruktion eines nicht chauvinistisch-nationalstaatlichen «Wir»: Manfred Züfle zum Beispiel versucht das Chauvinistische im Nationalstaatlichen zu überwinden: «Es ist auch kein Zufall, dass ich selbst trotzig das Pronomen ‘wir’ verwende, obwohl die einen mir das Recht dazu absprechen, wenn ich solches schreibe, und andere meinen Trotz als obsoleten linken Patriotismus müde belächeln, allenfalls gar bedenklich finden.»[6]

d) Schliesslich wird versucht, das nationalstaatlich besetzte «Wir» in die eine oder andere Richtung zu überwinden: Die Schweiz wird als Wir-Einheit aufgegeben. Adolf Muschg sucht ein grösseres «Wir», europäisch, menschheitsversöhnend: «[…] So besehen, ist Europa eine Notgemeinschaft, wie sie die Schweiz eigentlich von Anfang an gewesen […] ist. […] Wir müssen uns zusammenraufen, um zu überleben – oder wir dürfen uns zusammenschliessen, um zu leben.»[7] Auf der anderen Seite formuliert PM ein kleineres «Wir», das den Nationalstaat in autonome, überblickbare Wir-Einheiten aufsplittert. Unter der Frage: «Wer sind wir?» führt er unter anderem aus: «Wir brauchen ein ‘neues Nest’, ein konkretes Projekt, das die heutigen Verhältnisse ablösen soll. Aber wer sind ‘wir’ denn? Gibt es ‘uns’ überhaupt noch? Ist es möglich, über ‘uns’ zu reden? Oder sind ‘wir’ bloss ein neues Gespenst, das umgeht in Europa? Viel von ‘uns’ kann nicht übrig sein.»[8]

3.

Dem integrierenden, aktivierenden ideologischen Baustein «wir», der machtausübenden Perspektive, entspricht als Gegenpol die Perspektive des «sie» – Baustein der gleichen Ideologie für die marginalisierte, passive, machtertragende Position. Die Formulierung: «Sie machen ja doch, was sie wollen» ist hierzulande der sprichwörtliche Reflex der kleinen Leute auf die real existierende Demokratie.[9] «Wir» und «sie» haben gleichermassen ideologisierende und manipulierende Wirkung: Während das «wir» die Welt als in jedem Fall machbar, formbar, beherrschbar erscheinen lässt und alle in das «wir» Eingeschlossenen rhetorisch dieser aktiven Perspektive unterordnet («Packen wir’s an!», «Wir schaffen das!» [Angela Merkel, 2015]), erscheint in «sie»-Wendungen die Welt als von anonymen Kräften beherrscht, schicksalshaft, verhängnisvoll. Diese «Sie»-Position führt zu einem präventiven Selbstausschluss aus den Handlungsperspektiven. Die aggressive Potenz des «wir» entspricht der auto-aggressiven des «sie». Das «wir» manipuliert zur (gelenkten) Aktivität, das «sie» zur (gelenkten) Passivität.

4.

Wer Politik machen will, muss «wir» sagen. Auch oppositionelle Politik sagt «wir», will sie gegenhegemoniales Terrain besetzen: «Die andere Schweiz ist unsere Schweiz», «Wir sind die andere Schweiz» etc.

5.

Verwendet Sprache, die einen Erkenntnisanspruch hat – zum Beispiel die Wissenschaftssprache – den Plural majestatis («Aufgrund unserer Forschungen haben wir erkannt…»), dann kokettiert sie mit der Herrschaftssprache. Zynisch ist dies insofern, als eine solche sich objektiv unabhängig gebende Sprache zu verbergen sucht, dass sie selber weiss, was sie in Wirklichkeit ist: Sprache im Dienst der Herrschaft (die über die Forschungsgelder verfügt und also ihre Verteilung steuert).

6.

«Wir» machen das Brot teurer. – «Sie» machen das Brot teurer. – Das Brot wird teurer gemacht. – Das Brot wird teurer.

Vier Formulierungen für den gleichen Sachverhalt. Die erste Formulierung «macht» die Brotverteuerung aktiv und verantwortet. In der zweiten wird sie gemacht von anonymen Tätern. In der dritten wird sie passiv erduldet, weil sie von einer anonymen Macht durchgesetzt wird. In der vierten wird dem Brot Leben eingehaucht: Es übernimmt die Verantwortung dafür, dass es teurer wird. Diese Formulierung verleiht dem Brot Subjektcharakter. Sie fetischisiert das Brot: Die Interessen der Landworte, der Mehlproduzenten, der Bäcker, der Verkaufsstellen, der staatlichen Subventionspolitik etc. werden so im Zusammenhang mit der Brotpreiserhöhung undenkbar.

Jedoch: Die vierte Formulierung ist zweifellos die gebräuchlichste, die umgangssprachlichste. So gesehen macht Umgangssprache Realität zum Mythos, um Interessenlagen zu verschleiern.

 [1] «Die Wir-Form, in der ich rede, ist angstvoll geworden, weil sie bei so vielen, nicht nur älteren Schweizern wieder einen trotzigen, ausschliessenden und absprechenden, drohenden Klang angenommen hat. Solche Wir-Gefühle, diesen schrecklichen Heimat-Stil hat es seit den dunkelsten Zeiten unserer Flüchtlingspolitik nicht mehr gegeben […].» (Adolf Muschg: Die Schweiz am Ende. Am Ende die Schweiz. Frankfurt am Main (Suhrkamp), 1990, S. 103f.).

[2] Adolf Muschg, a.a.O., S. 182.

[3] Fritz H. Dinkelmann: Nach eigener Aussage. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1987, S. 17ff.

[4] Zitiert nach: Dieter Fringeli: Von Spitteler zu Muschg. Basel (Friedrich Reinhardt Verlag) 1975, S. 126.

[5] An der Podiumsdiskussion an der Solothurner Literaturtagen hat der Delegierte des Bundesrats für die 700-Jahrfeier, Marco Solari, laut meiner Tonbandaufnahme am 25. Mai 1990 gesagt: «Die 700-Jahr-Feier macht nur Sinn, wenn wir fähig sind, über Visionen, über Idealbilder, über Utopien nachzudenken. Wenn wir das nicht mehr sind, dann haben wir verloren.»

[6] Manfred Züfle: «Über die Geschichtswerdung einer Schweizer Seele», in: Widerspruch Nr. 20/1990, S. 114. – Die Bemerkung Züfles geht sehr wohl auch an meine Adresse. In WoZ Nr. 12/1990 hatte ich Züfles aktuellen Roman «Der Scheinputsch» (Zürich [Rotpunktverlag] 1989) ausführlich besprochen und an einer Romanformulierung anknüpfend polemisiert: «Viele der heute 50-jährigen Schreibenden versuchen nach wie vor dauernd von ‘unserer Schweiz’ zu reden. Dabei halten sie sich jedoch andauernd kokett die rechte Hand vor den Mund. Für diese zwanghafte Pose brüsten sie sich dann als ‘Negativlinge’. Die Schweiz ist aber immer ‘ihre’ Schweiz, was denn sonst? Nieder mit dem Landigeist!»

[7] Adolf Muschg, a.a.O., S. 192.

[8] PM und Freunde: Olten – alles aussteigen. Ideen für eine Welt ohne Schweiz. Zürich (Paranoia City Verlag) 1990, S. 28.

[9] Wobei die heutige Demokratie-Kritik einerseits ihre bürgerliche Besetztheit (also die Eigentumsverhältnisse an Boden und Produktionsmitteln), andererseits die Konstitution von Demokratie in der Risikogesellschaft in Frage stellen müsste. Öffentlich vernehmbar ist aber zurzeit eigentlich nur Kritik, die die bürgerliche Demokratie immanent thematisiert. Im Bund vom 5. Januar 1991 schreibt der Umweltwissenschaftler Willy Bierter: «Je mehr ich nicht mehr selber mache und nur noch machen lasse, je mehr Macht, Souveränität und Verantwortung ich abgebe, umso mehr bin ich mit immer grösseren Institutionen konfrontiert, die diese Aufgaben wahrnehmen. Damit aber wandelt sich der verantwortungsvolle Bürger immer stärker vom Bürger zum blossen Konsumenten. Eines der grössten Risiken in der Industriegesellschaft ist das immer stärkere Delegieren von Verantwortung und Tätigkeiten [umgekehrt: beschneiden und vernichten von Handlungskompetenzen, fl.]. […] Weil die Leute immer weniger handeln, machen sie aber immer weniger Erfahrungen aus erster Hand. Dies ist inzwischen zu einem Grossrisiko geworden für das demokratische Gemeinwesen und für die Natur.» KonsumentInnen sind also BürgerInnen, deren politische Aktionsfähigkeit nicht mehr vorgesehen ist. KonsumentInnen sind in zwei völlig voneinander getrennte Funktionen aufgespalten: Den Waren, die sie als ArbeitnehmerInnen unter Hochdruck produzieren und das Produktionssystem demzufolge in rauhen Mengen auswirft, müssen sie als KonsumentInnen in möglichst ebenso rauhen Mengen zusammenkaufen und vertilgen, um neue gewinnbringende Produktion zu ermöglichen. Diese lähmende Doppelrolle mag zwar ein «Grossrisiko» für die bürgerliche Demokratie sein, für jene, die diese bürgerliche Demokratie beherrschen, ist sie jedoch Voraussetzung für ihre Herrschaft. (21.02.1998)

Seither haben sich die StaatsbürgerInnen in grosser Breite zu KonsumentInnen verwandelt; die Öffentlichkeit ist unterdessen nicht mehr «Partner» im Sinn von Max Frisch, sondern eine Zumutung, weil sie durch ihre blosse Existenz daran erinnert, dass es noch wichtigere Probleme gäbe, als es die Interessen der Konsumierenden und ihr Recht des ungestörten Konsums sind. Für die Demokratie ist es kein gutes Zeichen, wenn KonsumentInnenorganisationen wachsen und Gewerkschaften schrumpfen. (06.08.2006)

(30.12.1990; 04./06.1.1991; 18.12.1997; 29.11.+05.12.2017; 11.07.2018)

 

Nachtrag

Den Essay über das Pronomen «Wir» habe ich nie geschrieben, dafür im Mai 1993 eine Reportage über die «Fürwörterartistik des demokratischen Jargons». Sie erschien in der WoZ 19/1993 unter dem Titel «WIR werden instabiler» und wurde später mit dem Titel «Staatsbürgerkunde bei der Zofingia» im Reportagenbuch «Mit beiden Beinen im Boden» (Zürich [Rotpunktverlag] 1995, S. 21ff.) nachgedruckt.

(21.02.1998)

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