Die Vergangenheit abschütteln

Seit Anfang August 2017 arbeite ich kontinuierlich an den «Stückwerk»-«Mäandern». Eben habe ich den neunzehnten abgeschlossen, und ich merke: Es ist gut, dass das Projekt langsam zu Ende geht.

Zwar habe ich das Mögliche getan, mich mit den Werkstücken – bis zu dreissigjährigen Schubladentexten – kreativ auseinanderzusetzen. Ich habe nicht nur die bis 2009 hergestellten elektronischen Transkriptionen korrigiert, sondern die Texte auch sprachlich redigiert und wenn nötig zur Kenntlichkeit umformuliert. Ich habe die früher geschriebenen Nachträge redaktionell bearbeitet und wenn nötig neue verfasst. Am Schluss wird das Stückwerk aus knapp 400 Werkstücken und bisher gut 250 Nachträgen bestehen. (Weitere bleiben vorbehalten – was auch bei den bisher 40 Logbucheinträgen gilt.)

Aus zwei Gründen ist es gut, wenn ich mit der Werkstückerei zum Ende komme:

• Wenn ich mich morgens vor den Bildschirm setze, merke ich, dass ich müde bin. Müde im Kopf. Ich kämpfe mit Konzentrationsproblemen. Es ist anstrengend, einen möglichst grossen Teil seiner Konzentration in ein Projekt zu investieren, das von den Leuten in meinem Umfeld zwar als meine zurzeit fixe Idee respektiert, aber nur schwer nachvollzogen werden kann, weil die bisher unbekannten Texte, die ich hochlade, nicht selten ratlos machen (manchmal sogar mich). Immerhin knüpfen die Werkstücke an Diskursen an, die meist längst vergessen sind. Die Texte beleben den Echoraum meiner untergegangenen Zeit – und nur zufälligerweise ab und zu jenen von Lesenden.

• Das «Stückwerk» war keine Möglichkeit, um mich als Schreibenden neu zu erfinden (wie mir das vor einem Jahr vorgeschwebt haben mag). Eher war es das Gegenteil: Das Projekt ist der Versuch, verschriftlichtes Leben in jene Form zu bringen, die gegen aussen zufriedenstellend dokumentiert und gegen innen erlaubt, das verschriftlichte Leben im (möglichst) Guten zurückzulassen. Auch so gesehen ist das «Stückwerk» Teil der Textwerkstatt (dort in der linken Spalte unter «Literarisches» / «Notizen» anwählbar), die erklärtermassen der Versuch einer «Selbstrekonstruktion als Text» werden soll. Obschon ich schon früher an anderer Stelle darüber spekuliert habe, dass die dort dokumentierten Stösse journalistischen Materials durch die neue Kontextualisierung zu «Abschnitten eines autobiografischen Romans» mutieren könnten, wurde mir in Bezug auf das «Stückwerk» erst durch Stefan Kellers Intervention klar, dass es auch hier zuerst um Biografiearbeit gegangen ist.

Das «Stückwerk» ist eine abschliessende Auseinandersetzung mit intellektuellen Restanzen auf meinem beruflichen Weg und insofern ein Rechenschaftsbericht. Der Zeitpunkt der Realisierung dieses Projekts – mein vierundsechzigstes Jahr – ist gut gewählt, in diesem Punkt bin ich weiterhin meiner Meinung. Als ausrangierter freier Journalist konnte ich mich so mit anregender Arbeit ein Jahr näher an die Pensionierung mogeln. Nach dem «Stückwerk»-Projekt werde ich AHV-Rentner sein.

Und offen für Neues.