Wann ist ein Fragment ein Fragment?

Der beste Schutz der ex-territoralen Kultur gegen den Markt ist ihre Fragmentierung.

Zwar spielt das Fragment auch in der Ästhetik der Moderne eine wichtige Rolle. Jedoch: Wie die Autonomie moderner Kunst nicht viel mehr als das selbstgeschaffene Qualitätssiegel von KleingewerblerInnen ist, so ist das Fragment der modernen Kunst lediglich die Behauptung eines ästhetisch weiterhin Ganzen, dessen Kühnheit darin besteht, diese Ganzheit trotz inhaltlicher und/oder formaler Unvollständigkeit darzustellen. Das Fragment der Moderne bleibt ein Ganzes, das sich an den Rändern sauber vom Nicht-mehr-Dazugehörenden – vom Nicht-Werk – abgrenzt. Erst diese klare Grenze macht es ja tauglich zur Ware. Ein Fragment im Sinn der modernen Ästhetik ist insofern eben gerade kein «unvollständiges Werk», wie der «Fremdwörter»-Duden «Fragment» definiert.

Letzthin habe ich in einem Kleidergeschäft der Stadt ein Paar Jeans-Hosen gesehen, das nicht nur – wie es seit Jahren Mode ist – an Knien und Gesäss kecke Risse aufwies, sondern lediglich noch aus einem losen Netz löchrigen Jeans-Stoffs bestand: ein Hosen-Fragment im Sinn der Ästhetik der Moderne, kühn in der Simulation seiner Unvollständigkeit, stromlinienförmig als Fragment-Konfektion, die durch die Warenform zum Ganzen gemacht wird. In dem Mass, in dem der Gebrauchswert kleiner wird, steigt der Tauschwert der Hose als Kunstwerk. Mode ist immer auch Distinktionsware.

Das Fragment der ex-territorialen Kultur dagegen müsste tatsächlich Fragment bleiben im Sinne eines unvollständigen Werks – also ein Ärgernis oder ein Indiskutables für die Ästhetik der Moderne. Sie dürfte sich in keiner Weise zum Ganzen runden. Das Fragment müsste übergangslos ins Nicht-Werk ausfransen. Kultur untrennbar vom Leben, nicht abgegrenzt im Dienst der Warenform. Eine solche Fragmentierung würde vor dem Markt Schutz bieten, weil das jeweils Vorliegende unabgrenzbar und deshalb als Ware unbrauchbar bliebe, verstrickt in einen unabschliessbaren Produktionsprozess, stets in Bearbeitung, immer noch unfertiger, in steter Veränderung, Selbstauflösung und Selbstneuerfindung begriffen.

Klar: Auch solch ex-territoriale Kulturfragmente würden Gefahr laufen, sich mit dem Erlahmen des kulturellen Impulses zu verfestigen. Je weniger kultureller Impuls vorhanden ist, desto deutlicher tritt die Warenform hervor. So wie alles Lebendige irgendeinmal abstirbt, so erstarrt jeder kulturelle Impuls irgendeinmal zur Ware.

Sei’s drum. Anderswo tauchen andere Kulturfragmente auf. Unvorhersehbar. Ex-territorial. Wertfrei – also wertlos im besten Sinne.

(11.02.1994; 11.+19.12.2017; 16.07.2018)

 

Nachtrag

In der Logik dieses Gedankens liegt es, dass sich das scheinbare Fragment der Kunstmoderne klar auf das Produkt beziehen muss, das fragmentiert vorliegt. Die Scherbe einer Tasse kann in einem Kunstwerk Tasse meinen, wenn der Bezug klar wird. Dann ersetzt die Scherbe die Tasse vollständig, insofern das Kunstwerk nicht den Gebrauchswert des Flüssigkeitsbehälters meint. Anders: Das Fragment der Kunstmoderne ist deshalb nur Schein eines Fragments, weil es das Ganze meint, auf das es sich bezieht. Der Sinn dieses Fragments ist es, das Ganze zu meinen.  

Müssten Fragmente der ex-territorialen Kultur demnach statt Produkte Prozesse fragmentieren? Solche wären vom Markt ja wohl definitiv nicht als Waren identifizierbar. Aber wie sähen solche Prozessfragmente aus?

Fragmente ex-territorialer Kultur sind kulturelle Äusserungen, die wirken, ohne als Teil der kanonisierbaren Kultur erkennbar zu sein.

(21.03.2005; 11.+19.12.2017; 16.07.2018)