Die Tote vor der Reitschule

Aus einem Brief vom 11. Januar 1993 an J. H. und M. H.: «[…] Am 17. Dezember ist vor der Reitschule in Bern eine Frau erschossen worden; es soll um Drogen gegangen sein. Dies ist nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Gewalttaten und ein unübersehbares Signal für die Brutalisierung rund um den Kulturtreffpunkt. Drogen, Waffen und Gewalt haben der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR), also den BetreiberInnen der Reitschule, die sich etwas zugute halten auf ihre Autonomie, an den Rand der Aufgabe gebracht. Nach dem Mord an dieser Frau hat sich die IKuR jetzt ein Ultimatum gestellt: Wenn es der Interessengemeinschaft nicht gelingt, ihre Interessen gegen die zunehmend gewalttätigen Drogenleute durchzusetzen, ziehen sie sich auf Ende Februar aus der Reitschule zurück. Dann wäre das Kulturprojekt am Ende, der Drogendeal würde woanders stattfinden, so und so viele Leute würden aus ihren dünnen sozialen Netzen fallen und kulturpolitisch wäre es eine Katastrophe. Und die neue Regierung? Die hat kein Interesse, dass die Reitschule (jetzt) schliesst, aber sie hat schlechte Karten in den Händen. Das fast unüberwindbare Misstrauen vieler IKuR-Leute gegen alles, was von der Stadt kommt, beruht auf einer langen und bitteren Erfahrung. Eigentlich müsste sich die Stadt voll hinter die IKuR stellen und mit ihrem Gewaltmonopol für Ordnung sorgen. Aber sogar wenn sie das täte und die Polizei gegen die Drogenleute vorschickte: Die meisten IKuR-Leute kriegen Schreikrämpfe, wenn sie einen Stadtpolizisten nur von ferne sehen; ihnen wäre es egal, dass der den Auftrag hätte, sie zu unterstützen: Feind bleibt Feind.»

(11.01.1993)

 

Nachtrag 1

Zwei Wochen später hatte ich für die WoZ Nr. 4/1993 eine Reportage zu schreiben zur Situation rund um die Reitschule. Ich gab ihr den Titel «Warten auf Miraculix». In der Geschichte der Reitschule ist diese Krise schliesslich eine Episode geblieben, eine von verschiedenen, während denen jeweils die Frage des Gewaltmonopols im autonomen Raum ins Zentrum der Debatte gerückt ist. Die Frage, die damals, nach dem 17. Dezember 1992, akut geworden ist, bleibt: Wie kann eine Kultur emanzipative Kultur bleiben, wenn sie es unternimmt, sich in einem genau umrissenen geographischen Raum festzusetzen, aber weder über ein Gewaltmonopol verfügt noch verfügen will? Wie hält sie die informellen, paramafiösen Gewaltstrukturen zum Beispiel des Drogenhandels oder der «linksradikalen» Militanz in Schach, die jederzeit erneut virulent werden können? (Letztere ist übrigens manchmal nur schwer zu unterscheiden vom Krawallmachen als perspektivelosem Feierabendvergnügen wohlstandsverwahrloster Gofen).

(23.03.2001; 18.12.2017)

 

Nachtrag 2

Im Herbst 2017 ist nun der Band «30 Jahre Reitschule Bern – Bilderbogen» erschienen, ein als Leporello gestaltetes Gemeinschaftswerk von mehr als dreissig GestalterInnen. Beigelegt ist ein Begleitheft mit einer ausführlichen Chronologie der Ereignisse. Andere Texte gibt es nicht. Das Problem, das mich in diesem Werkstück umgetrieben hat, ist in dieser Publikation keines. Tatsächlich läuft der Betrieb in der Reitschule seit längerem ruhig. Als der Bund am 3. April 2017 über einen aktuellen «Polizeibericht zur Reitschule» berichtet, handelt er den polizeilichen Alarmismus unter dem ironischen Titel «Jeden Monat ein Flaschenwurf» ab.

Ich erinnere mich, dass im Sommer 1981, in den Wochen, bevor die Reitschule als Autonomes Jugendzentrum (AJZ) eröffnet worden ist, bürgerliche PolitikerInnen vehement vor dem «rechtsfreien Raum» gewarnt haben, den ein solches Zentrum darstelle. Kurz vor der Eröffnung am 16. Oktober 1981 schrieb ich mir die Erfahrungen von der Seele, die ich in den Monaten zuvor im Provisorischen Autonomen Jugendzentrum (PAJZ) an der Taubenstrasse gemacht hatte. Dort hatte ich mitgeholfen, den Küchenbetrieb mit einem täglichen Abendessen in Gang zu halten, während sich in den Nebenräumen Drogendealer breit gemacht hatten, von denen einmal einer in die Küche kam und mir, faule Sprüche klopfend, zum Spass einen Revolver an die Schläfe hielt. Deshalb schrieb ich damals «Das AKZ auf der Schützenmatte», wobei AKZ für Autonomes Konzentrationslager stand: In meiner Dystopie war das Reitschulareal von aussen ein militärisch gesichertes KZ, von innen die Diktatur einer staatlich alimentierten Mafia, die das Essen und das «Gift» kontrollierte. Am Eröffnungsfest des AJZs am 16. Oktober 1981 habe ich dann den ganzen Abend an einem Stand die Bewegungszeitung «Drahtzieher» verkauft. Die Dystopie blieb noch mehr als dreissig Jahre lang in der Schublade.

Damit ist gesagt, dass mein tiefes Misstrauen dagegen, dass soziale Räume ausserhalb des staatlichen Gewaltmonopols als friedliche organisierbar seien, aus persönlichen Erfahrungen erwuchs. Die Erschiessung der Frau auf dem Vorplatz der Reitschule führte dann ab 1993 dazu, dass ich das Areal bis heute kaum mehr betreten habe. Eingestehen muss ich: Wenn der Titel «Jeden Monat ein Flaschenwurf» stimmt und es ansonsten einmal pro Jahr zu einer mehr oder weniger politisch motivierten, medienfüllenden Randale kommt, dann ist den vielen Hunderten, die sich in den letzten dreissig Jahren für die Reitschule engagiert haben und weiter engagieren, eine bedeutende gegenkulturelle Leistung gelungen.

(06.+18.12.2017; 15.07.2018)