Subkultur und Subsistenz

Eine meiner Subkultur-Bestimmungen besagt, die ökonomische Basis von Subkultur sei die Unvernunft gegenüber dem Kapitalismus: «Das Geld stellt sich in den Dienst der Sache, nicht umgekehrt.» Damit behaupte ich einen ökonomischen Überschuss, der entweder als Geld akkumuliert oder im Sinn der Subkultur ideell investiert werden kann. Nur implizit darin enthalten ist demnach, dass vor jeder Subkultur die Subsistenz gesichert sein muss. Demnach unterstellt meine Definition: Subkulturelle Ökonomie = Substistenzökonomie + ideelle Unvernunft.

Die Schwäche dieser Gleichung: Sie suggeriert eine Abspaltung des Ideellen von der Existenzsicherung; sie suggeriert, dass Existenzsicherung sozusagen vorkulturell stattfinde und noch nicht zur Kultur gehöre. In Sinn des Zaffaraya-Manifests – «Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben» – ist das aber falsch: Auch Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben und sich also kaum die Subsistenz sichern können, haben und leben Kultur im Sinn von ideellem Engagement. Dies sagt auch Dieter Grohs Definition: «Subsistenz umgreift immer sowohl die physische oder materielle als auch die soziale Existenz und meint nie die alleinigen materiellen Bedürfnisse im engern […] Sinn. Subsistenzökonomien sind also stets materiell und kulturell definiert.»[1]

Insofern meine Subkultur-Bestimmung die Existenzsicherung voraussetzt, damit Subkultur überhaupt möglich wird, beschreibt sie ausschliesslich ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft: insbesondere die Feierabendkultur der Mittelstandsjugendlichen. Tatsächlich ist die Berner Subkultur seit 1955 mehrheitlich ungefähr das gewesen. Man merkt demnach meiner Bestimmung an, dass ihre empirische Basis die Recherchen zum Projekt NONkONFORM sind. Müsste ich demnach meine ökonomische Bestimmung von Subkultur in Richtung Subsistenzökonomie öffnen? Aber würde eine Definition nach Groh – im Sinn von: Subkultur ist der kulturelle Aspekt von Subsistenzökonomien – nicht eine historische Konstellation beschwören, die mit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert weitgehend zerstört worden ist? Oder müsste meine Bestimmung explizit begrenzt werden auf die dissidente Selbstverständigung mittelständischer Leute in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

[1] Dieter Groh: Strategien, Zeit und Ressourcen (Frankfurt am Main, 1992), zitiert nach: Thomas D. Meier/Rolf Wolfensberger: Eine Heimat und doch keine. Heimatlose und Nicht-Sesshafte in der Schweiz. Zürich (Chronos) 1998, S. 207.

(12.1998; 11.+14.12.2017; 13.07.2018)

 

Nachtrag 1

Klar ist, dass alle Subkulturen massgeblich subsistenzökonomisches Denken voraussetzen – ob als ökonomischen Zwang (zuerst das Fressen, dann die Moral) oder, in Subkulturen unter sozialstaatlichen Rahmenbedingungen, als freiwilligen Entscheid zum anderen, «unvernünftigen» Einsatz der Mittel. Dabei könnte das ökonomische Denken in Subkulturen unterlegt sein von jenem uralten Traum nach dem eigenen Boden, in dem «immer schon beides steckte: das Rückwärtsgewandte, politisch Reaktionäre und das Systemsprengende, politisch Revolutionäre».[1]

Die subkulturelle Ökonomie wäre dann geprägt von der vagen Erinnerung daran, dass nur jene sich zu einer eigenen, selbst gewählten Identität aufzuschwingen vermögen, die auf einem Boden stehen, der trägt. Heute las ich eben einen Aufsatz des politischen Philosophen Urs Marti, der eine der Voraussetzungen für das Gelingen einer Republik aus Rousseaus Sicht so resümierte: «Kein Bürger sollte so reich sein, dass er einen anderen kaufen kann, und keiner so arm, dass er sich verkaufen muss.»[2] In meine Argumentation übertragen legt diese Formulierung nahe: Wer auf fremdem Boden steht, ist immer schon verkauft. Subkultur so gesehen würde bedeuten: sich einen Boden erkämpfen – und zwar eben nicht nur ideell, sondern auch, wie symbolisch vermittelt auch immer: materiell –, auf dem man stehen kann, ohne gekauft zu sein. Die subkulturelle Ökonomie steht insofern im Dienst des autonomen Standorts, der verhindern soll, sich verkaufen zu müssen, um leben zu können.

Subsistenzökonomie mag in der Geschichte früherer Jahrhunderte noch so viel Unsicherheit und Elend bedeutet haben, ins Utopische gewendet steht sie für den unhintergehbar eigenen Standort. Was einerseits halb verschüttete Erinnerung ist, ist andererseits eben eine Sehnsucht, die in den hoch industrialisierten Ländern nach zweihundert Jahren systematischer Subsistenzvernichtung grösser wird, nicht kleiner. (In Bern werden unterdessen mehrere mobile Wagensiedlungen von Jugendlichen toleriert, die vorderhand Mühe damit bekunden, das – in den Worten von Max Weber – «stahlharte Gehäuse der Hörigkeit» zu betreten, in dem der alternativlose Way of Life zu absolvieren ist.)

[1] Mezzo del cammin’, S. 13.

[2] Urs Marti: «Demokratie demokratisieren», in: Der kleine Bund, 17.06.2006.

(18.06.2006; 11.12.2017; 13.07.2018)

 

Nachtrag 2

Heute scheint mir, ich hätte mit dieser ökonomischen Bestimmung von Subkultur eine von der Gesamtgesellschaft abgekoppelte Ökonomie als Kultur zu beschwören versucht. Das wäre bestenfalls eine Utopie, vermutlich aber eine Illusion.

Karl Marx sagt im Vorwort «Zur Kritik der Politischen Ökonomie», die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse bilde als reale Basis die ökonomische Struktur der Gesellschaft, auf der sich ein juristischer und politischer «Überbau» erhebe: «Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.»[1] So gesehen wird auch «der geistige Lebensprozess» von subkulturellen AktivistInnen vorerst einmal vom herrschenden «gesellschaftlichen Sein» dominiert.

Dagegen behauptet meine Bestimmung zur ökonomischen Basis von Subkultur, die kulturelle Leistung von Subkulturen sei es, ein Bewusstsein gegen dieses gesellschaftliche Sein zu entwickeln und in eine Praxis der «Unvernunft gegenüber dem Kapitalismus» zu überführen.

Tatsache ist, dass ich persönlich meine Arbeit trotz aller Widersprüche, die ich sehr wohl sah, immer auch in diesem Sinn zu verstehen versucht habe (zum Beispiel war mir die Produktionsgenossenschaft der WoZ zu Beginn eine der sozialistischen Inseln, die ihren Ort im wachsenden Archipel der Selbstverwaltungsszene einnehmen sollte).

So bin ich als «verträumter Reporter» älter geworden und was an diesem Berufsweg subkultureller Prozess gewesen sein mag, war es gegen Marxens dogmatische Bewusstseinsbestimmung.

[1] Karl Marx/Friedrich Engels: Werke Band 13. Berlin (Dietz Verlag) 1961, S. 8f.

(11.+14.12.2017; 13.07.2018)