Kultur gegen Geld

Subkultur als Kultur jener «kleinen Leute», die nicht innerhalb der bestehenden, ideologisch eindeutig besetzten Strukturen oder Institutionen arbeiten können oder wollen. Es zeigt sich, dass diese Subkultur durchwegs ein gebrochenes Verhältnis zum Geld hat – im Gegensatz zur bürgerlichen Hochkultur, die die Tatsache, aus lauter marktgängigen Waren zu bestehen, nicht hinterfragt, weil genügend Geld vorhanden ist, um die Warenform als Quantité négligeable übersehen zu können.

In der Subkultur wird die Utopie einer nicht über Geld vermittelten Form sozialen Umgangs gelebt und weitergetragen, und zwar in der ganzen Widersprüchlichkeit, die sich aus dem unmöglichen Anspruch ergibt, hier und heute Leben insgesamt als Kultur ausserhalb des Disziplinierungs- und Zwangssystems verstehen zu wollen, das das Geld für die grosse Mehrheit der Menschen darstellt.

1986/87 hing in der Stadt Bern eine Zeit lang an vielen Wänden das Zaffaraya-Manifest, verfasst von den BewohnerInnen der Hüttendorfsiedlung Zaffaraya, die bis zur polizeilichen Räumung am 17. November 1987 auf dem Gaswerkareal an der Aare stand. In diesem Manifest hiess es unter anderem: «Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben.»

Der Bruch zwischen Kultur und Subkultur verläuft dort, wo die Kulturideologie des Bürgertums die Grenze zwischen Kultur und Nicht-Kultur ansetzt. Die unausgesprochene Voraussetzung bürgerlicher Kultur lautet: Was nichts kostet, ist nichts wert. Dagegen die Voraussetzung der Subkultur: Ob Zahnpasta oder Kunst – was kostet, ist Zwang, weil es zum Geldverdienen nötigt. Möglichst viel Geld zu verdienen, ist ein unhinterfragbar positiver Wert bürgerlicher Kultur – mit möglichst wenig Geld sein Ding machen zu können der unhinterfragbar positive Wert von Subkultur.

 (01.1994; 14.12.2017; 13.07.2018)