Redaktor Januskopf

Im Januar 2011 habe ich zur Begründung des Projektabbruchs – aus jetziger Sicht war’s ein Unterbruch – unter anderem geschrieben, ich sei unterdessen so weit weg von den Texten, «dass ich mein Material quasi als externer Bearbeiter edieren müsste».

Das hat etwas: Tatsächlich werde ich nun die einzelnen Werkstücke mit sozusagen redaktioneller Objektivität zu optimieren versuchen: hier ein Komma und dort ein Vertipper. Höchstens einmal ein besser gewähltes Wort für das vermutlich damals Gemeinte.

Für diesen Arbeitsgang am «Stückwerk» habe ich mir aber noch einen zweiten Auftrag gegeben: jene des Kommentators meiner selbst, der nicht streicht und umformuliert, sondern mit Nachträgen offenlegt, wie sich seine eigene Sicht der Dinge wandelt. Wo er warum nicht mehr seiner Meinung ist oder wie er seine Meinung anders begründet.

So wie ich jetzt bereits bei der redaktionellen Durchsicht der allerersten Werkstücke in Versuchung gerate, damalige Sätze nicht nur zu optimieren, sondern in Richtung meiner aktuellen Weltsicht zu frisieren, so werde ich bei den Nachträgen in Versuchung geraten, mir in möglichst klug klingender Weise – fachjournalistisch gesprochen als schwurbelnder Rezensent – selber auf die Schultern zu klopfen.

Es ist das Eine, zwei Rollen zu spielen. Ein Anderes ist es, mir allein am Bildschirm vor einem konkreten Werkstück quasi bei jedem Klick bewusst zu sein, in welcher Rolle ich hier in den Text eingreife. Denn jener, der den Text geschrieben hat, kann sich nicht mehr wehren und jener, der jetzt eingreift, weiss das mit dem Selbstbewusstsein, hier und heute Ich zu sein.

Kann man sagen, die eigene Gewordenheit sei ein Machtverhältnis? Auf jeden Fall ist für Herrn Redaktor Januskopf Respekt angesagt vor dem, der er nicht mehr ist.

(04./08.08.2017)

Das Problem des Redaktors Januskopf hat mich im März 2018 im Nachtrag 3 des Werkstücks «Temperierte Sprache» erneut beschäftigt.

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