Mein Webmaster Peter Schmocker macht mich darauf aufmerksam, dass er im Internet auf eine andere Website namens «Stückwerk» gestossen sei: «Stückwerk. Werkstücke aus dem Versuchslabor von Stephan Schmidlin». Auf dieser Seite versammelt Schmidlin in einem reichhaltigen Archiv journalistische und belletristische Texte, dazu Fotos und Musikstücke. Zudem bietet er verschiedene Formen von Beratung und Coaching an, dazu Lesungen als Schriftsteller und Auftritte als Musiker. Zweifellos die Website eines Multitalents.
Speziell ist dabei nicht nur, dass auch Schmidlin in Bern lebt, sondern dass ich mit ihm vor dreissig Jahren für die WoZ unter dem Titel «Das Zeitalter der Parteiorgane ist vorbei» ein Interview gemacht habe, als er als Redaktor der POCH-Zeitung darüber Auskunft geben musste, dass dieses Medium eingestellt werde. Seither haben wir uns wenige Male getroffen und gegrüsst, dass wir uns dabei über das Wortspiel Werkstück/Stückwerk unterhalten hätten, ist sehr, sehr unwahrscheinlich. Ebenso unwahrscheinlich ist demnach, dass der eine von uns den anderen plagiieren will. Wir machen aus der gleichen, inspirierenden Ausgangsidee das, was jeder für sich spannend findet.
Spannend ist allerdings auch die Frage: Wieso kommen Schmidlin und ich ungefähr zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und geprägt von der gleichen Weltanschauung – nämlich von den Debatten der ausserparlamentarischen Linken nach 1968 in der Deutschschweiz – auf das gleiche Wortspiel, das uns inspiriert?
Der Begriff «Stückwerk» in der metaphorischen Bedeutung geht definitiv nicht auf Karl Marx, sondern auf Martin Luther zurück, der im 1. Korintherbrief übersetzte: «Denn unser wissen ist stückwerck / und unser weissagen ist stückwerck / Wenn aber komen wird das vollkomen / so wird das stückwerck aufhören.» Allerdings vermerken die Gebrüder Grimm in ihrem Wörterbuch, dass die früheste, im 14. Jahrhundert aufkommende Bedeutung des Begriffs eine im Bereich der Akkordarbeit gewesen sei. Bezahlt worden sei nach der Zahl der gelieferten Stücke, weshalb man von «stückwerk machen oder stückwerk arbeiten» gesprochen habe.
Sogar Luthers Metaphorik, heisst das, hat eine ökonomische Basis. Es gibt schon Gründe, warum Schmidlin und ich seinerzeit Neue Linke geworden sind.
Noch am gleichen Tag hat Stephan Schmidlin auf meinen Mailhinweis auf Obiges ebenfalls per Mail wie folgt reagiert:
«Lieber Fredi (und Peter als Mitleser),
vielen Dank für deine Intervention. Du bist der erste, der sich über die Mailadresse zur Website meldet – so viel zur Wirkung von solchen Veröffentlichungen.
Und Dank für deine begriffshistorischen Forschungen. So in etwa hätte ich das Stückwerk auch eingeschätzt. Ich bin aber, obwohl ich deine Seite bei den Planungen öfters angeschaut habe, wirklich von selbst auf den Begriff gekommen, weil er eben passt. In meiner Einleitung komme ich ja vor allem auf den Werkbegriff zu sprechen (s. Rubrik ‘Willkommen’), und um diesem Wort etwas die Schwere zu nehmen, die ihm in Lebenswerk u.s.w. anhaftet, kam ich selbstständig auf das Stückwerk, weil 1. jedes Werk nur das sein kann und weil ich 2. mir die Freiheit offen halten will, Stücke in meinem Archiv nach Belieben hinzuzufügen oder zu tilgen. Für mich wäre auch das Ganze aus Stücken zusammengesetzt, viele Stücke ergeben ein bestimmtes Ganzes und noch mehr Stücke halt wieder ein neues. So in etwa ginge meine Alltagsphilosophie. Und dann kommt der ‘Stück’-Begriff ja vor allem bei einem meiner Lehrmeister vor, bei Brecht (und bei Walser sind's die ‘Stückli’), und in der Lehrkunst haben wir den Stückbegriff auch aufgenommen (wir sprechen von Lehrstücken), allerdings auch wieder relativ unabhängig von Brecht. So also wäre mein Wurzelwerk auszubreiten.
Liebe Grüsse aus der Länggasse
Stephan»
Ich danke Stephan Schmidlin für die Erlaubnis, seine Antwort an dieser Stelle zu dokumentieren.