Martis vom Kuhnweg

1.

An der Buchvernissage von Kurt Martis «Herausgehoben»[1] in der Länggassbibliothek am 2. Februar 1991 werden H. und ich vom Redaktor der «ZeitSchrift», Benz Schär, zum offiziellen Abendessen eingeladen, das der Kanton Bern zu Ehren des am 31. Januar 70 Jahre alt gewordenen Marti finanziell mitträgt. Als die Tischordnung allmählich durcheinandergerät und Hanni Marti, die Ehefrau des Schriftstellers, sich weiter drüben plaudernd an unseren Tisch gesetzt hat, beobachtet H.: Marti sei neben seine Frau getreten und habe flüsternd gefragt: «Du, Hanni, söll i öppis säge?» – «He ja.» – «Aber was de?» – «Danke söllsch!» Worauf Marti das Wort ergriffen und in professionell souveränem Plauderton rundherum gedankt hat.

[1] Kurt Marti: Herausgehoben. Notizen und Details. Stuttgart (Radius-Verlag) 1990.

(09.02.1991, 03.04.1998; 07.11.2017)

2.

Samstagmorgen im November 1997. Auf dem Weg zum Einkaufen begegne ich Kurt Marti, dem Nachbarn, im Quartier. Er ist mit Taschen in beiden Händen bereits auf dem Heimweg. Im milden Novemberregen bleiben wir stehen – ich unter einem Regenschirm, er unter einem dunkelblauen Beret –, und wir wechseln ein paar Worte: Seine Rede anlässlich der Verleihung des Tucholsky-Preises in Berlin letzthin, die neusten Werbe- und Geldsammelanstrengungen der WoZ.

Schliesslich erzählt er, dass ihn gestern eine Mitarbeiterin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements angerufen habe. Ob er etwas verbrochen habe, habe er erschreckt gefragt. Die Beamtin habe verneint und ihrerseits gefragt, ob er der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti sei, was ihn, lächelt er, zu einem Geständnis genötigt habe. Als er nachfragte, worum es gehe, habe sie gesagt, sie habe dem Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti einen Brief des Bundespräsidenten Arnold Koller zuzustellen, darum brauche sie die Adresse. Was denn im Brief stehe, habe er noch gefragt. Das dürfe sie ihm nicht sagen, er müsse es halt dann lesen.

Zuerst geht mir durch den Kopf, dass ein solcher Telefonanruf im Namen des höchsten Schweizers eigentlich ein bisschen taktlos sei, weil damit signalisiert werde, dass einer der bedeutenden Publizisten des Landes für den Bundespräsidenten ein derartiges Nonvaleur sei, dass man von ihm nicht einmal die Adresse zu kennen brauche. Danach geht mir durch den Kopf: Die Anruferin ist Mitarbeiterin jenes eidgenössischen Departements, das auch die staatliche Asyl- und Flüchtlingspolitik exekutiert und, wie man weiss, nach der Maxime funktioniert, dass das Fremde grundsätzlich unverstehbar, bedrohlich und minderwertig sei und deshalb dressiert werden müsse. Ob Tamilin oder Algerier, ob Asylant oder Schriftsteller: Als erstes muss man solchen exotischen Wesen zu verstehen geben, dass sie nicht viel wert sind. Das weitere ergibt sich aus der Rechtslage.

(08./09.11.1997; 07.11.2017)

3.

Samstagabend im Januar 1999. Hanni und Kurt Marti kommen zum Abendessen vorbei. Kurt erzählt, er habe geträumt, der Papst sei hier in Bern in die Nydeggkirche gekommen. Er habe nur zwei, drei Begleiter gehabt und den Anwesenden gedeutet, sie sollten sich durch ihn bloss nicht stören lassen.

(11.01.1999; 07.11.2017)

4.

Am Nachmittag kommt Hanni Marti ab und zu vorbei, um mit H. einen Tee zu trinken. Letzthin rief sie beim Eintreten in mein Büro, wo ich am Schreibtisch sass: «Dir e Gruess vom Truki-Tram!» Was das für ein Tram sei, fragte ich ratlos zurück. «Vom Truk Itram», betonte sie anders und fügte bei, manchmal müsse man eben die Wörter umdrehen, wenn man sie verstehen wolle.

(10.12.2001; 28.2.2017)

5.

Samstagnachmittag im April 2004. Ich melde mich telefonisch kurzfristig bei Kurt Marti für einen Besuch an. Ich habe vom «Südwestrundfunk SWR 2» den Auftrag bekommen, einen kleinen Kommentar zu verfassen zu seinem Gedicht «ostern o stern» aus den «gedichten am rand». Dazu möchte ich einiges wissen. Ich solle vorbeikommen, sagt er. Er ist dann wie üblich äusserst hilfsbereit und verschwindet im oberen Stock, um die Originalausgabe der «gedichte am rand» zu holen.

In dieser Zeit erzählt mir Hanni Marti, die sich auch zu uns gesetzt hat, sie habe von einem ihrer Söhne erfahren, dass dieser von Kurt am Telefon gehört habe, ihm gehe es schlecht. Sie habe ihren Mann auf seinen Gesundheitszustand angesprochen, er habe wie gewöhnlich bei solchen Fragen nur missmutig abgewehrt. Sie wisse nicht, was sie tun solle. Und dann habe Kurt diesem Sohn offenbar noch gesagt, der Gedichtband, den er im kommenden Herbst bei Nagel & Kimche herausgebe, werde sein letzter sein.[1]

Schon kommt Marti mit mehreren Büchern unter dem Arm die Treppe herunter und erzählt jetzt zunehmend lebendig über die «gedichte am rand», über Günter Grass’ Beziehung zu Lenzburg und über Frank Wedekind, der dort auf dem Schloss aufgewachsen sei, später, wie er einmal, nach einer Generalversammlung der «Gruppe Olten» in Neuchâtel, den betrunkenen Ludwig Hohl auf den Bahnhof geführt und in den Schnellzug nach Genf geschoben habe. Und auch zu den nötigen Informationen für den kleinen Kommentar über «ostern o stern» bin ich gekommen.

[1] Gemeint ist: Kurt Marti: zoé zebra. München/Wien (Hanser/Nagel & Kimche) 2004. – «zoé zebra» blieb der letzte Gedichteband. Mit «Gott Gerneklein» (2006) und «Geduld und Revolte: die Gedichte am Rand» (2011) erschienen später nur noch Neuauflagen älterer Gedichtbände.

(05.04.2004; 07.+10.11.2017)

6.

Das Datum ist sicher: 26. Dezember 2004, ein Sonntag. Auf dem nachmittäglichen Spaziergang begegnen H. und ich im Quartier Hanni und Kurt Marti. Unser Gesprächsthema: die Katastrophenmeldung in den Mittagsnachrichten von diesem riesigen Tsunami in Asien. Bekannt sind erste Meldungen aus touristisch stark erschlossenen Gebieten. Klar ist, dass es noch viel schlimmer sein muss, als bisher gemeldet. Nicht mehr mit Sicherheit erinnere ich mich, ob es an jenem Tag war: Hanni nach einer Herzoperation jetzt am Rollator. Es geht nur noch sehr langsam vorwärts. Zurück an den Kuhnweg. Dort verabschieden wird uns.

(08.11.2017; 30.06.2018)

7.

• Am 22. März 2012 besuche ich zusammen mit Matthias Burki im Elfenau Park Kurt Marti. Zweck des Besuchs ist, ihm Burki als Verleger von «Der Gesunde Menschenversand» vorzustellen, der ihn anfragen will, ob wir beide uns Gedanken zu einer Hör-CD machen dürften, in deren Zentrum Martis Dialekt-Lyrik stehen würde. Während des Mittagessens im Speisesaal der Altersresidenz, zu dem uns Marti einlädt, wird klar, dass er gegen unser Engagement nichts hat, sofern wir nicht von ihm eine Mitarbeit erwarten, etwa, dass er in einem Studio seine Texte noch einmal sprechen müsste.[1]

Wir führen während des Essens ein angeregtes Gespräch über alles Mögliche. Marti erzählt zum Beispiel, wie er als Kanzelredner in der Nydeggkirche während einer Sonntagspredigt erschrocken sei, als er plötzlich unten in den Kirchenbänken Karl Barth entdeckt habe, seinen verehrten Theologielehrer an der Universität Basel, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Weil es damals seine Gewohnheit gewesen sei, nach dem Gottesdienst am Ausgang allen Kirchgängern die Hand zu drücken, habe er Gelegenheit gehabt, einige Worte mit Barth zu wechseln. Dieser habe ihm für die Predigt gedankt.

Zwischendurch reden wir immer wieder über Dialekt-Lyrik, über die Zeit um 1970, über Otto F. Walters Rauswurf beim Walter-Verlag, über Ernst Eggimann und Ernst Burren und davon, warum er nach dem zweiten Lyrikbändchen, «undreinisch» (1973), aufgehört habe, Dialekt zu schreiben.

Plötzlich sagt er, übrigens habe er letzthin nach bald vierzig Jahren nun sein letztes Mundartgedicht gemacht, Gebrauchslyrik. Und dann beginnt er über den Teller hinweg zu rezitieren:

«i binen alte ma
i wetti chönne gah
und bi doch geng no da.»[2]

(24.3.2012)

• Am 21. Juni 2012 vermailt Joy Matter an die Mitglieder des traditionellen «Marti-Stammtischs», der sich jeweils am Samstag um 10 Uhr im Café Gfeller am Bärenplatz trifft und dem auch ich anghöre, zwei neue Vierzeiler von Marti:

«Rilke, der berühmte Poet,
raunt uns, den Geringen,
von tiefen Dingen,
die auch er nicht versteht.»
(Mai 2012)

«Da ich Rabenaas
nie ein Auto besass
schrieb ich auch nie
eine Autobiographie»
(Juni 2012)

(1.7.2012)

• Er habe wieder einen Vers gemacht, sagt Kurt Marti am 28. Juli 2012 am Stammtisch des Café Gfeller und beginnt langsam, sich besinnend, zu rezitieren. Joy Matter, die neben ihm sitzt, notiert mit einem Kugelschreiber auf das papierene Tischtuch und vermailt ihre Transkription noch gleichentags:

«D’grieche
die arme sieche
stöhne und chyche
im schwitzchaschte vo de ryche.»[3]

(28.7.2012)

• «Gfeller»-Treffen vom 9. Februar 2013: Kurt Marti hat den Vers offensichtlich zum Rezitieren vorbereitet, beginnt mit «Es scheint…» und besinnt sich dann länger, bringt zuerst die zwei ersten Zeilen und ergänzt später mit den zweiten beiden.

«Es scheint, die letzte Zeit auf Erden
ist dazu da, Erspartes los zu werden.
Die Pharma-Milliardäre freut’s.
So ist das eben in der Schweiz.»

• 13. Juli 2013. Weil ich am Stammtisch mit Kurt Lüscher über dessen Ambivalenz-Theorie diskutiere, verpasse ich Kurt Martis neusten Zweizeiler. Lisbeth Vogt hat mitgeschrieben und gibt ihn mir weiter. Es ist eine Variante des obigen:

«Die letzte Zeit auf Erden
ist dazu da, Erspartes los zu werden.»

[1] Aus dieser Idee ist schliesslich die Doppel-CD: «hommage an kurt marti rosa loui guy krneta & louisen» (2015) geworden. Ich steuerte für das Booklet den Aufsatz «Kurt Martis Lyrik in der Umgangssprache» bei.

[2] Mit der letzten Zeile «bi aber gäng no da» dokumentiert in: Kurt Marti: wo chiemte mer hi? Zürich (Nagel & Kimche) 2018, S. 164.

[3] Dokumentiert in: Kurt Marti, a.a.O., S. 163.

(13.07.2013; 30.06.2018)

 

Nachtrag

Am 17. Oktober 2007 ist Hanni Marti gestorben. Die Abdankungsfeier für sie liess Kurt Marti am 26. Oktober in der Nydeggkirche in Form eines Dankgottesdienstes feiern. Noch im gleichen Herbst verliess er das Haus am Kuhnweg 2 und machte den letzten Wohnort von Hanni, ein Zimmer in der Altersresidenz Elfenaupark, zu seinem eigenen letzten Wohnort. In der ersten Zeit danach habe ich ihn noch ab und zu durchs Quartier zu seinem Haus gehen sehen. Insbesondere erinnere ich mich, dass er mich als einen der Ersten besuchte, als ich mich im Februar 2008 zuhause von einer Operation erholte. Bald aber blieb das Martihaus schräg gegenüber verwaist. Kam ich in der dunklen Jahreszeit abends aus dem Büro nach Hause, irritierte mich jetzt manchmal, dass oben in Hannis Zimmer oder unten in der Stube des Hauses als Schutzmassnahme gegen Einbrecher Licht brannte.

Kurt Marti ist am 11. Februar 2017 im Elfenaupark gestorben und die Kinder des Paars haben sich entschlossen, ihr Elternhaus zu verkaufen. Mitte Oktober hat mich Thomas Marti, einer der Söhne, eingeladen vorbeizuschauen, ob mich Bücher der umfangreichen Bibliothek interessieren würden. Ich habe die Einladung gerne angenommen und bin mit einem Papiersack voller Bücher nach Hause zurückgekehrt: Mitgenommen habe ich zur Ergänzung meiner Sammlung von Deutschschweizer Literatur Konrad Farners «Kunst und Engagement», mehrere Bände von und über Ludwig Hohl, die Tagebücher Paul Klees, mehrere Bände von Kuno Raeber, ein Buch mit Aufsätzen über Laure Wyss. Dann der doppelbändige Briefwechsel zwischen Gisèle Celan-Lestrange und Paul Celan, Noam Chomskys «Profit over People» (auf Deutsch), eine Diederichs-Taschenbuchausgabe von Pascals «Gedanken» sowie Hans Richters «DADA – Kunst und Antikunst.» Dazu mehr als ein halbes Dutzend Bücher von Kurt selber, die mir in meiner Sammlung gefehlt haben.

Am 23. Oktober 2017 mailte ich Thomas: «Nachdem ich es mir noch einmal überlegt habe, bin ich nun doch sehr interessiert an den Bänden der historisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe im Studierzimmer von Kurt. Zwar sind die Bände nicht vollständig, aber es wird möglich sein, mir die fehlenden antiquarisch zu beschaffen. Hölderlin ist für mich übers Ganze gesehen wohl der wichtigste Dichter geworden – und sein Werk in Bänden zu haben, die zuvor bei Kurt im Studierzimmer standen, ist schon etwas ganz Besonderes.» Thomas schrieb zurück: «Das freut mich, dass die Hölderlin-Ausgabe meines Vaters bei Dir eine neue Heimat finden wird!»

So stehen nun auch 14 Bände der grossformatigen «Frankfurter Ausgabe» Hölderlins, zwei Faksimile-Supplemente nebst mehr als einem Dutzend Bänden mit Sekundärliteratur zu Hölderlin auf meinem Büchergestell. Ich halte sie in Ehren und werde die fehlenden Bände früher oder später zu einem bezahlbaren Preis finden.

(28.10.2007; 05., 07.+10.11.2017; 30.06.2018)

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