Wir Frühsozialisten

In seinem «Cleo»-Fragment zur Romantrilogie «Im Roten Feld» situiert Jakob Bührer folgenden Wortwechsel in das Jahr 1829: «‘Weisst du denn eine bessere Form der Wirtschaft als die bestehende?’ / ’Und wenn nein, wenn ich keine bessere weiss, wird dadurch die bestehende gut?’»

Dieser Wortwechsel ist heute genauso aktuell, wie er für Bührers Romanfiguren 1829 gewesen ist. Diese Tatsache ist ein Hinweis darauf, dass die Kapitalismuskritik von heute, nach 1989, auf das Dilemma des Frühsozialismus zurückgeworfen worden ist: Es gibt einen Willen, aber es gibt keinen Weg.

Was es heute gibt, ist die Kenntnis verschiedener ungangbarer, weil mehr oder weniger menschenverachtender Wege, sowie das Wissen um neulinke Trampelpfade neben den Pisten des kapitalistischen Wirtschaftssystems, die Trampelpfade im Ödland geblieben sind. So macht die heutige Fährtenlosigkeit in Richtung eines Nichtkapitalismus doppelt ratlos: So viele Wege sind versucht worden und keiner hat sich zur zukunftsweisenden Piste geweitet.

Dabei ist die grundsätzliche Richtung so klar wie damals: Die Vernunft gebietet dringender denn je die Zurückbindung unsozialer Partikularinteressen und also eine Relativierung oder Differenzierung des herrschenden «Eigentum»-Begriffs. Diese Notwendigkeit ist klar, der Weg dorthin so offen wie damals bei der Gründung des «Bundes der Gerechten», der 1836 «Gütergemeinschaft […] als notwendige Folgerung der ‘Gleichheit’» postuliert hat.[2]

Damals ist man für die öffentliche Propagierung dieser Idee verfolgt worden, heute wird man milde belächelt. So ändern sich die Sitten in einer Welt, die sich nicht verändert.

[1] Jakob Bührer: Im Roten Feld. Ergänzungen und Materialien. Werkausgabe Band 12, Basel (Z-Verlag) 1987, S. 35.

[2] Friedrich Engels: Zur Geschichte des «Bundes der Kommunisten», in: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien I, Berlin (Dietz) 1983/2, S. 63.

(6.3.1995; 31.8.2005; 31.10.2017)

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