Macht, Tat, Wahrheit – alles eins

Indem du etwas tust, tust du all das andere nicht, was zu tun zu einem bestimmten Zeitpunkt auch möglich gewesen wäre. Im Zeitalter «generalisierte[r] Ungewissheit und generelle[r] Offenheit» – so fasst Thomas Meyer die «Moderne»[1] – legitimiert sich die Tat nur noch durch sich selber. In diesem Zeitalter wird etwas wahr, indem es getan wird (das Nichtgetane ist nicht wahr); auf struktureller Ebene: Als wahr erkannt werden kann nur das, was mächtig genug gemacht wird, um sich durchsetzen zu können. Macht, Tat und Wahrheit werden tendenziell kongruent. So verstehe ich Jean-François Lyotards Begriff der «Performativität» in «Das postmoderne Wissen»[2]. Ob dieses Zeitalter «Moderne» oder «Postmoderne» genannt wird, ist ziemlich uninteressant. Interessant ist – und das ist ein Streitpunkt zwischen Lyotard und Habermas –, welcher Stellenwert in dieser Situation der «Diskurs» haben soll. Auf deutsch: Wozu (noch) reden?

[1] Thomas Meyer: Fundamentalismus – Aufstand gegen die Moderne. Reinbek/Hamburg (rororo) 1989, S. 32.

[2] Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen. Graz/Wien (Edition Passagen), z.B. S. 38, 123ff.

(16.07.1989; 19., 23.05.+27.06.2018)

 

Nachtrag

Werden Macht, Tat und Wahrheit kongruent gedacht, bedeutet das allerdings das Ende jeder denkbaren reflexiven Ethik – auch Ethik würde zur Tat kongruent: Jedes Tun wäre ja wahr und also ethisch legitimiert, wenn nur die Macht vorhanden wäre, es auszuführen. Das Argument müsste in der Praxis zu einem rüden Sozialdarwinismus führen – in der Theorie führt sie zu einer Implosion der Begriffe.

(31.07.1997; 23.05.2018)

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