L’hors-de-garde

In der Moderne steht die künstlerische und politische Avantgarde einer «Derrièregarde» gegenüber. Beide Garden haben sich gleichermassen in den Begriff «Fortschritt» verbissen; die einen wollen ihn beschleunigen, die anderen bremsen, verhindern oder gar rückgängig machen.

Im Ideologem des «Fortschritts» stecken aber nicht nur technologische Revolutionen und gesellschaftspolitische Optionen, sondern immer auch ein teleologisches Moment: Der Begriff «Fortschritt» insinuiert – so der moderne Glaube respektive der Glaube der Moderne –, dass die «Menschheit» «vorwärts» komme auf ein «Ziel» hin.

Deshalb streiten sich Avantgarde und Derrièregarde in der ideologischen Arena der Moderne um den «Fortschritt» – erstere wollen möglichst schnell, letztere langsamer oder gar nicht ins Ziel. Dass in dieser Arena seit eh und je nur eine Minderheit Platz zu nehmen die Ehre hatte und dass die meisten von den Auseinandersetzungen um den säkularen Glauben an die Teleologie der Moderne von vornherein ausgeschlossen waren, das wird mir erst allmählich klar: die Frauen, die Kinder, die Überflüssigen, die «Wahnsinnigen»; das ganze unabsehbare Heer der Segregierten, die man heute meint, wenn man sozialwissenschaftlich klügelnd von der Problembevölkerung der «A-Städte» spricht: Alte, Arme, Auszubildende, Arbeitslose, AlkoholikerInnen, AusländerInnen, AsylbewerberInnen – Ausgegrenzte aller Art.

All diese Leute sind ausserhalb («hors de») des kanonisierten Fortschrittsdiskurses – sie bilden ausser Konkurrenz gewissermassen die «Hors-de-garde». Wenn es noch ein Neues zu entdecken gibt, sie wird es finden – höchstwahrscheinlich weitab von den grossen Diskursarenen.

(05.06.1992; 31.10.2017; 27.06.2018)

 

Nachtrag

Obschon ich mich in verschiedenen Werkstücken auch kritisch mit Ludwig Hohls «Gesetz von den hereinbrechenden Rändern»[1] auseinandergesetzt habe, richte ich meine Hoffnung mit der Postulierung einer «Hors-de-garde» auf nichts anderes als darauf, dass die Ränder hereinbrechen mögen wider die Perspektivlosigkeit des «Fortschritts», um den sich die Avantgarde und die Derrièregarde in der Mitte der Gesellschaft medienwirksam streiten.

Vermutlich hatte ich immer Sympathien für die Vorstellung, gesellschaftliche Dissidenz manifestiere sich nicht nur vertikal – von unten nach oben – sondern auch horizontal – von aussen nach innen. Tatsächlich gibt es den Begriff «Zirkel der Macht», der sagt, Macht gründe gerade darauf, dass ein Teil ihres Wissens geheim bleibe, also nicht «nach aussen» dringe: Herrschaftswissen eben.

Unterdessen gibt es die so genannten Whistleblower, die die Macht herausfordern, indem sie geheime Informationen «nach aussen» tragen. Auf welcher hierarchischen Stufe ein Whistleblower vertikal gesehen steht, spielt dabei keine Rolle.

[1] Ludwig Hohl: Von den hereinbrechenden Rändern. Nachnotizen. Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1986, S. 91-94. – Eine Auseinandersetzung mit Hohls Notiz findet sich in der These 4 des Werkstücks «Kultur und sozialer Wandel» und im «Nachtrag zur These 4» ebendort.

(20.03.2001; 23.10.2017)

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