Hilfe, ich bin ein Postmoderner!

1.

Einen Essay schreiben mit dem Titel «Hilfe, ich bin ein Postmoderner!», der ungefähr so beginnen könnte:

«Das auch noch. Mit zwanzig, angenehm endgelagert als Primarlehrer im rigiden Wertesystem der CH-Kleinbürgerlichkeit die Erkenntnis: Das ist mir zu fremd und zu falsch, hier gehöre ich nicht dazu. Dann das Trauma des freien Falls durch ein soziales Nirwana: Schrecknisse, Einsamkeiten. Aufgefangen wurde ich – mein Glück – von einem bunten Haufen Ausgestiegener. Ab hier die Anstrengung um eine kritische Weltsicht, seit 1981/82 als Redaktor der WochenZeitung.

Ich nehme in diesen Jahren vieles zur Kenntnis, aufgeblasene Wahrheits- und Erkenntnisansprüche von Hausbesetzergrüpplis so gut wie von der feierabendklandestinen Revolutionsschickeria in zürcherischen Villen. Ich nehme weiterhin zur Kenntnis: redliches gutschweizerisches Bemühen; plausible Erklärungsfragmente, sektoriell brillante An- und Einsichten; elitär-punktuelle Endgültigkeiten, monokausal-weltumspannende Bergpredigten, aber weit und breit kein Weltbild, das diesen Namen verdiente, kein einheitlicher Horizont der Analyse und der Kritik, von dem her gedacht, geredet und gehandelt werden könnte. Dann lese ich beim französischen Philosophen François Lyotard, was er für die Frage hält, nämlich: ‘Was machen wir, wenn wir keinen Horizont der Emanzipation haben, wo bieten wir Widerstand?’[1]

Zuerst lasse ich mich von den hiesigen Linken mit Durchblick beruhigen: Lyotard sei eben ein ‘Postmoderner’, also blöd, so gut wie ‘nouvel droit’. Dumm ist, dass ich das bei keiner Zeile merke, die ich von ihm lese. Dumm ist weiter, dass ich beim Lesen auch mitkriege, dass Lyotard schon linksradikale Texte schrieb, als die hiesigen Linken mit Durchblick noch in die Windeln machten (ab 1954). Und dumm ist, dass seine Frage eigentlich stärker ist als die gesamte linke Ignoranz im Land.

Jetzt, mit fünfunddreissig, in meiner harterstrittenen kleinen Nische, in meiner prekären Restwelt wertrigider Linksheit, ereilt mich ein neues Trauma: Ich gehöre auch hier nicht dazu. Mein Gott, bin ich am Ende ein Postmoderner?»

Oder so.

[1] Jean-François Lyotard: Immaterialität und Postmoderne. Berlin (Merve Verlag) 1985, S. 69.

2.

«…dass es in keinem Sektor einen allgemeinverbindlichen und alleinseligmachenden Aktionstypus gibt, sondern dass es eine Vielheit möglicher Wahrheiten zu entdecken und zu entwickeln gilt…»[1]

Nachdem ich nun seit bald zehn Jahren die ausserparlamentarische linke – also im Volksmund die «linksextreme» – Diskussion, das heisst das innerhalb dieser subkulturellen Szene hegemoniale Sprachspiel mitverfolgt habe (diskutiert wird bezogen auf den Marxismus-Leninismus oder in der soften Variante auf die Frankfurter Schule), ist mir klar, dass eine solch polymorphe Perspektive auf die Welt, wie sie die Postmoderne vorschlägt, nicht sein darf.

Andererseits ist mir – täglich mehr – eine unwiderlegbare Tatsache, dass der realistische Blick auf die Welt polymorph sein muss.

[1] Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim (VCH Acta humaniora) 1988, S. 35.

3.

«‘Postmodern’ ist, wer sich jenseits von Einheitsobsessionen der irreduziblen Vielfalt der Sprach-, Denk- und Lebensformen bewusst ist und damit umzugehen weiss.»[1]  

Ich aber bin Mitglied einer politisch und ideologisch in die Defensive gedrängten Linken, die ausserhalb der Grundprinzipien «Menschenrechte», «Aufklärung», «Vernunft» respektive unbeugsamer «antiimperialistischer» «Widerstand» nur Zerfall und Reaktion sieht. Zwar sind die Linken hierzulande ob der in diesen Wochen stattfindenden riesigen Demonstrationen in der DDR und in der Tschechoslowakei ehrlich begeistert (so viele Leute bringen ‘wir’ nicht auf die Strasse); ideologisch könnte die Ratlosigkeit jedoch nicht grösser sein: Der real existierende Sozialismus bricht zusammen. Die postmodernen Zeiten halten auch im Ostblock formell Einzug: Die biederen CH-Linken sind umzingelt und basteln trotzig am argumentativen Réduit.

[1] Welsch, a.a.O., S. 35.

4.

Es ist eine Frage der Zeit, bis sich auch die hiesige Linke eine grundsätzliche Ablehnung des Begriffs «Postmoderne» nicht mehr wir leisten können, schlicht, weil diesem Begriff allgemein wahrnehmbare, konsistente Wirklichkeitsaspekte zugeordnet werden können: Es gibt so etwas wie die «Postmoderne».

Es muss demnach um eine Besetzung des Begriffs von links gehen. Es muss darum gehen, die Auseinandersetzung zu führen um die emanzipativen Aspekte des Zerfalls von ideologischen und kulturellen Hegemonien in eine nicht mehr ineinander zurückführbare Pluralität. Es muss um das Zusammendenken gehen der alten Prinzipien, der Menschenrechte, der sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit mit der neuen Unübersichtlichkeit. Sie einem illusionären, dafür übersichtlichen Weltbild zuliebe zu verwerfen, ist ignorant.

Es geht nicht um stimmige Weltbilder, es geht um die Welt, die weder stimmt noch nicht stimmt, sondern ist: «Die Wirklichkeit folgt nicht einem einzigen Modell, sondern mehreren, sie ist konflikthaft und dramatisch strukturiert, sie zeigt Einheitlichkeit nur in spezifischen Dimensionen, nicht im ganzen.» [1]

[1] Welsch, a.a.O., S. 77f.

(02.-10.12.1989; 25.10.2017; 27.06.2018)