Die vergessene Sehnsucht

Am Samstagabend unterwegs: Berner Altstadtfest. Diese grelle Aufmachung der Jugendlichen! Kleidung, Schmuck, Haartracht! Ihre überschwänglichen Gesten! Ihre explodierende Extravertiertheit!

Als nähme das Bedürfnis nach äusserlichen Zeichen der Individualität von Generation zu Generation noch inflationär zu. Gleichzeitig nehmen aber, wie man weiss, auch die normativen Zwänge zu, jene nicht offen repressiven, von Jahr zu Jahr ein wenig einengenderen Notwendigkeiten, die in ihrer Gesamtheit auch Zeichen eines fortschreitenden Zivilisationsprozesses sein mögen. Je weniger Freiheit möglich ist, desto mehr Individualität ist notwendig, um die Jugendlichen im Zaum zu halten (und vermutlich würde auch das Umgekehrte gelten: Je mehr Freiheit möglich würde, desto weniger Individualismus wäre nötig).

Freiheit wäre demnach bedroht nicht nur von totalitären und offen repressiven Staatsapparaten, sondern auch vom Zivilisationsprozess, der unter US-amerikanischem Marktdiktat vorab in seiner Variante als American Way of Life unaufhaltsam und zunehmend weltweit voranschreitet. (Insofern sich eine solche Zivilisationskritik gegen Restperspektiven der zu verteidigenden Moderne wenden würde, geriete das ganze Argument wohl unter Irrationalismusverdacht.)

Jene, die vor hundert oder zweihundert Jahren «Freiheit» forderten, forderten gegen die damaligen gesellschaftlichen Zwänge etwas, das ich mir nicht mehr vorstellen kann: Was man nicht irgendeinmal erfahren hat, daran kann man sich nicht erinnern. Wobei: Nicht verloren geht das Wort «Freiheit», sondern das, was es ehedem bezeichnet hat. Was das Wort heute bedeutet, wird laufend neu definiert über die Konnotationsvorgaben der aktuellen Herrschaft. Diese tendieren aus naheliegenden Gründen dazu, die Bedeutungsfelder von «Freiheit» und «Individualität» einander anzunähern – und umgekehrt zum Beispiel jene von «Freiheit» und «Freiraum» zu trennen.

Heute, da die Herrschaft in dieser Weltgegend nur noch im Notfall offen repressiv auftritt, wird Freiheit nicht bekämpft durch Verneinung, sondern durch Substitution: Was an Freiheit von Jahr zu Jahr mehr den Sachzwängen zunehmender Normierung zum Opfer fällt, wird vom sich ausdehnenden Markt durch industriell produzierte Statussymbole extensiver Individualität ersetzt. Und die Jugendlichen, betrügbar wie die Bienen, denen man Zuckerwasser für ihren Honig gibt, stürzen sich als Arbeitskräfte in die immer enger normierende Produktionsmaschinerie, um mit dem Lohn die Produkte ihrer Arbeit als Beweis der eigenen Individualität kaufen zu können.

Herausgeputzt ziehen sie dann hektisch und grell durch die Gassen, mit merkwürdig leeren Gesichtern, als suchten sie vergeblich nach dem, was sie doch wähnen, gefunden zu haben.

(28.8.1989, 15.9.1997; 21.10.2017; 27.06.2018)

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