Das postmoderne Matterhorn

Nach wie vor ist umstritten, mit welchem architektonischen Projekt sich die offizielle Schweiz an der Weltausstellung 1992 in Sevilla beteiligen wird. Nach dem unterdessen zurückgezogenen «Eisturm» (Vincent Mangeat) gerät nun auch das «Matterhorn – Montécolo» von Michael Schwiefert unter Beschuss. Der Sinn dieses Projekts: Der 32 Meter hohe Glaspavillon entsorgt Abfälle, Abwasser und Glas selber und solle «vor allem die Leistungen der Schweiz auf dem Gebiet der Umwelttechnik zur Geltung bringen».[1]

Die postmoderne Mehrfachkodierung des Projekts[2] – ausstellungstechnische Avantgarde, Präsentation ökologischer Fortschrittlichkeit, klischierter und massenwirksamer Auftritt – wird nun von prominenten Architekten als «dekonstruktivistische Masche» kritisiert: Mit der Wahl des gläsernen Matterhorns sei die Koordinationskommission für die Präsenz der Schweiz im Ausland auf das «allerbilligste Klischee» verfallen, so der Architekt Anatole du Fresne vom Berner «Atelier 5». Wenn die Schweiz wirklich nichts Besseres zustande bringe, solle sie es besser bleiben lassen. Du Fresne: «Ebensogut könnte man eine Toblerone, einen Emmentaler, einen Melkerstuhl oder ein Sennenkäppi hinstellen.»

Kaum sei «Mangeats Eiszapfen gebodigt», komme «dieser Blödsinn», poltert seinerseits Max Bill in Zürich. Ein solches Projekt ist seiner Meinung nach nichts als ein «Reklamegag für das Tourismusland Schweiz» und solle sofort «abgeklemmt» werden.

Was auffällt: Sowohl du Fresne als auch Bill – beides profilierte Vertreter der architektonischen Moderne – richten das Objekt der Kritik zuerst monokausal zu, bevor sie es zerstampfen. Sie unterstellen Schwieferts Projektidee den einen und hegemonialen Sinn, ein Klischee – eben das nachgebaute Matterhorn – transportieren zu wollen. Sie ignorieren andersherum die Mehrfachkodierung, die in Anspruch nimmt, eine Gesamtbedeutung als Ensemble mehrerer nichthegemonialer Bedeutungen zu sein.

Dahinter steckt die Frage: Hat nicht alles, was ist, in letzter Konsequenz eine hegemoniale Bedeutung? Ja oder nein? Konkret: Lässt man die mehreren von Schwiefert intendierten «kleinen» Bedeutungen gelten oder sind sie nur Funktionen der zentralen Bedeutung, die offizielle Schweiz an der Weltausstellung 1992 zu repräsentieren? Wenn es so wäre, würden aber auch Projekte von du Fresne oder Bill nichts anderes bedeuten, und dann wäre es egal, ob man einen Melkerstuhl oder ein Sennenkäppi hinstellt.

[1] Zitate auch im Folgenden: Bund, 13.12.1989, S. 13.

[2] Fredric Jameson konstatiert: «Die postmoderne Architektur präsentiert sich konsequenterweise als ästhetischer Populismus […]. Die traditionelle Trennung zwischen ‘hoher’ und sogenannter Massen- und kommerzieller Kultur (ein wesentliches Kennzeichen der klassischen Moderne) wird aufgehoben.» (in: Andreas Huyssen/Klaus R. Scherpe [Hrsg.]: Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt], 1986, S. 46). Methodisch hergestellt wird dieser Populismus durch eine «doppelte Codierung der Architekturrede» –­ so Charles Jencks –, wobei man «die Massen mit dem, was sie ohnehin wollen» bediene, «und das dürfte eine Mischung aus eklektizistischer Montage vergangener Formwerte und der Bilderwelt aus den Vergnügungsparks aller Länder sein; und man bediene die Elite der in Architektur Geschulten mit dem Raffinement der Konstruktion, weil sie sich nichts vormachen lässt in ihrer Aufgeklärtheit. Der Masse die metaphysische Metapher ohne verbindlichen Sinn, dem Kenner das intellektuelle Spiel ohne verbindlichen Sinn.» (in: Burkhart Schmidt: Postmoderne – Strategien des Vergessens. Darmstadt und Neuwied (Luchterhand) 1986, S. 24 f.)

(14.12.1989, 23.9.1997; 31.10.2017)

 

Nachtrag

An der Weltausstellung in Sevilla präsentiert die Schweiz schliesslich ab dem 20. April 1992 eine von Harald Szeemann kuratierte Kunstausstellung in einem vierzig Meter hohen Turm aus Recycling-Karton. In der Schweiz führt dann gegen Ende Mai 1992 die «Ecriture» des Künstlers Ben Vautier – «Suiza no existe», also: Die Schweiz existiert nicht – zu vaterländischer Empörung und politischen Vorstössen im nationalen Parlament. (NZZ, 22.05.2017) Was im Vorfeld ein Streit zwischen modernen und postmodernen Fachleuten war, wurde danach im Rahmen der Kunstmoderne rezipiert: Eine künstlerische Provokation vermochte biederbürgerliche Empörung hervorzurufen. Zweifellos ein sehr später Beleg für diesen Effekt.

(31.10.2017)

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