«Summum von 68»

Diese Woche hat die Burgergemeinde Bern dem Kunstmuseum eine Arbeit von Franz Gertsch als Dauerleihgabe überreicht. Sie stammt aus den frühen 1970er Jahren und zeigt Gertschs Künstlerkollegen Markus Raetz mit Jeansjacke, Mähne und Intellektuellen-Brille nach der damaligen Szenenmode in fotorealistischem Stil. Bei der Übergabe des Bildes, für das die Burgergemeinde 200’000 Franken hingeblättert habe, stellte Rudolf von Fischer als Burgerratspräsident fest, Gertschs Arbeit stelle das «Summum von 68» dar (Bund, 22.04.1997).

Abgesehen davon, dass Gertsch ein eher entfernter Verwandter der 1968 tatsächlich Bewegten gewesen ist, scheinen in dieser Episode gemäss dem Thesenspiel alle drei Sphären des kulturellen Universums auf: Zusammen mit Markus Raetz, Franz Eggenschwiler und anderen hatte Gertsch damals in Kranenburg/Nordrhein-Westfalen die Beuys-Sammler Hans und Franz Josef von der Grinten besucht. Gertsch fotografierte an jenem Tag Raetz und setzte die Fotografie später in ein grossformatiges fotorealistisches Bild um: bis hierhin ein Prozess mit subkulturellen Anteilen. Seither existiert in der Sphäre der Produkte – also der zweiten – Gertschs Raetz-Bild, das am Markt innerhalb eines Vierteljahrhunderts eine bedeutende Wertsteigerung erzielte – was getreulich den wachsenden Marktwert von Gertsch als Künstler spiegelt.

Für die Burgergemeinde als Käuferin ist dieses Bild das «Summum von 68», weil ihr die subkulturellen Prozesse von 1968 ausschliesslich in den daraus hervorgegangenen Produkten zugänglich sind, also als Waren, als «Wertgegenstände». Wenn von Fischer Gertschs Bild als «Summum von 68» bezeichnet, so gehe ich davon aus, dass er davon ausgeht, dieses Bild sei zur Zeit auf dem Platz Bern das teuerste, das sich im weitesten Sinn gegenständlich mit der 68er Bewegung auseinandersetzt. Obschon die Burgergemeinde damals mit Sicherheit jene Bewegung bekämpft hat, wo immer sich ihr Gelegenheit bot, präsentiert sie sich nun als Eigentümerin des «Summum», also des Repräsentativsten, was jene Bewegung zu bieten gehabt habe, und zelebriert ihre Grosszügigkeit, indem sie dieses der unterdessen «rotgrün» (unter anderen von der 68erin Therese Frösch) regierten Stadt zur Erbauung überlässt: eine quasi aristokratische Geste, die Grosszügigkeit, Ironie und Verachtung untrennbar verbindet.

Auf der Ebene der Personen schliesslich existiert seit dieser Woche eine neue Spielmarke: Gertschs «Raetz» hängt als Dauerleihgabe der Burgergemeinde im Berner Kunstmuseum und hat einen Wert von 200’000 Franken. Wer diese Fakten kennt und am richtigen Ort kennerisch ins Spiel bringt, vergrössert so sein kulturelles Kapital, was ihn auf den Eile-mit-Weile-Feldern des Kunstbetriebs um ein Bescheidenes vorrücken lässt.

(23.04.1997; 18.05.2006; 16.10.2017; 25.06.2018)

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