Auf dem Telefonbeantworter eine Mitteilung von Daniel Rothenbühler, dem Präsidenten der stadtbernischen Literaturkommission. An der Sitzung vom 18. Juli 2000 habe man Rücktritte aus der Kommission besprochen, «eine Mehrheit» sei dafür, dass nun (unter anderen?) ich neu aufgenommen würde.
Gründe, die spontan dafür sprechen:
a) Irgendeinmal sollte man ja wohl für die Allgemeinheit etwas tun, die Mitarbeit in dieser Kommission wäre ein vergleichsweise interessanter Job.
b) Einblick in Verwaltungsstrukturen, literaturpolitische Zusammenhänge und Seilschaften, Kenntnis der aktuellen Literaturproduktion.
c) Meine Position – weltanschaulich links exponiert, literarisch mit einem «journalistischen» Literaturbegriff – könnte die Arbeit der Kommission beeinflussen.
d) Imagegewinn für die WoZ in Bern, wenn ich den Job als «WoZ-Redaktor» übernehme (falls dies kommunizierbar ist).
e) Persönlich: Gewinn an kulturellem Kapital wäre im Hinblick auf den geplanten Rückzug aus dem WoZ-Kollektiv von Bedeutung.
Gründe, die spontan dagegen sprechen:
a) Einbindung ins Kulturmanagement des Establishments – was geht mich das an?
b) Am letzten Donnerstag habe ich mein WoZ-Pensum ab 1.9.2000 wieder von 80 auf 60 Prozent reduziert: teils, weil 20 Prozent für eine Neuanstellung fehlten, teils weil’s mir gelegen kam (Abschluss des NONkONFORM-Projekts). Der Nettolohn liegt nun noch bei gut 2100 Franken: Wenn schon sehr wenig Geld, dann mindestens Zeit für mich!
c) Meienbergs Erfahrung: Unsere Arbeit wird sowieso nicht als Literatur anerkannt: Wieso mich für die Arbeitsbedingungen von «Dichterlingen» einsetzen?
d) Ich werde auf unerwünschte Weise zur öffentlichen Person und für Leute vom Grünen Bündnis und eventuell zum Teil von der SP zur Anlaufstelle, wenn es um ihre literarischen Wünsche geht.
e) Falls ich in absehbarer Zeit effektiv von der WoZ zurücktrete (aus anderen Gründen: um mehr Zeit zu haben, für mich schreiben können!), wird man dann sagen können, das Zipfelchen Macht in dieser Kommission habe genügt, mich ideologisch zu befrieden – was zumindest ärgerlich wäre.
Vorgehen: Rücksprache mit Rothenbühler: Ich brauche Bedenkzeit; präzisierende Fragen: Zeitaufwand und Arbeitsanfall für Sitzungen und Lektüre, Finanzielles, wer ist sonst noch in der Kommission? Warum Rücktritte? Ab wann Mitarbeit?
Telefon mit Rothenbühler (20.08.2000): ad. Rücktritte: Beatrix Bühler, Christine Eggenberg und Rothenbühler selber treten turnusgemäss zurück. Eine Amtszeit dauert 6 Jahre, Beginn 1.1.2001. Zusammensetzung der Kommission: Yeboaa Ofosu (Präsidentin), Ueli Zingg, Charles Cornu, Daniel Imboden, Therese Büttikofer, Stefan Hulfeld. Neu: Sabine Künzi, Leslie Lehmann und ich. Aufwand: 7-8 Sitzungen pro Jahr, je 18.30-21.30 Uhr, hierfür gibt’s Sitzungsgeld; Lektüre: 30-40 Dossiers pro Jahr, insbesondere: 6-8 Bücher für Preise; 2 mal 6 bis 10 Anträge für Werkbeiträge, dazu Dossiers für Druckkosten- und Durchführungsbeiträge. Im Übrigen sagt R., sie hätten bereits in der Kommission über mögliche Ablehnungsgründe meinerseits spekuliert und vor allem zwei gesehen: a) finanziell: Kann/will ich mir einen solchen ehrenamtlichen Aufwand überhaupt leisten?; b) der Abschluss von NONkONFORM fällt bereits in meine Amtszeit. Dass man meine Arbeit auszeichnen würde, wenn ich in der Kommission sässe, wäre kaum möglich (ich müsste sogar ablehnen).
Eindruck nach dem Gespräch: Für das bisschen Ehre ist der Aufwand an Zeit und Geld beträchtlich. Synergien im Bereich Literaturkritik sind klein, weil vor allen das «literarische Unterholz» zu sichten wäre, d. h. Texte, die häufig gar nicht gedruckt werden. Alles in allem wohl ein kulturpolitisches Ehrenamt wie das Engagement in der Redaktion des «Kuckucknests»[1], allerdings nicht «unten» oder «am Rand», sondern eben «von Staates wegen», bestenfalls als Verstärker der Stimmen vom Rand.
Weiteres Vorgehen: Von Rothenbühler zwei Tage Bedenkzeit erbeten. Muss in dieser Zeit den Arbeitsaufwand noch genauer recherchieren (Ofosu tel.).
Telefongespräch mit Yeboaa Ofosu (21.8.2000): ad. Arbeitsaufwand: 6-7 Sitzungen im Jahr; freitags, 18.30-20/22.00 Uhr. «Evaluationsbücher»: 6-8 pro Jahr; ad. Druckkostenbeiträge und Werkjahre: Hier geht es um Gesuche, nicht um vollständige Manuskripte. Im Übrigen sagt sie, Rothenbühler habe sie seinerzeit überredet, das gebe wenig Arbeit, die Bücher lese sie ja sowieso etc.: So sei es nicht. Andererseits sei der Aufwand auch nicht eine permanente Belastung. Realistisch wohl, dass ich ab und zu einen Abend oder einen freien Tag drangeben resp. im Zug zwischen Zürich und Bern entsprechende Bücher lesen müsste. Sie ermuntert mich einzutreten (offenbar passe ich in ihre Strategie).
Und jetzt? Ich tendiere zu folgender Antwort: Ich nehme das Mandat an und garantiere ein Jahr. Danach werde ich für mich die bisherige Erfahrung evaluieren (literaturpolitisch, ökonomisch, zeitlich) und mir einen Rücktritt vorbehalten. Ein Gegenargument, das mich beschäftigt: Beim Eintritt verliere ich nicht nur die Chance, einen Preis zu erhalten, ich riskiere auch, dass Berns Tageszeitungen «Bund» und «BZ» gegenüber dem Kommissionsmitglied reserviert reagieren. Das würde den zweiten Band des Projekts NONkONFORM treffen. Es ist ja so, dass beim Begert-Buch nur die Berner Medien inhaltlich reagiert haben (seit damals ist zudem die Tageszeitung «Berner Tagwacht» resp. die daraus hervorgegangene Wochenzeitung «Hauptstadt», die am ehesten ausführlich reagiert hätte, eingegangen).
Heute, 21. August 2000: Telefongespräche mit den WoZ-Bern-Leuten jw und mjk. Ich hole die Meinung der WoZ-KollegInnen in Bern ein, weil ich nicht will, dass sie von der Sache von Dritten erfahren und mich ihre allfälligen ideologischen Bedenken interessieren. Hierzu sagt jw, solche könne es nicht mehr geben. Bei der Eröffnung der Tanztage am Vorabend hätte die Reitschulbeiz «Sous le pont» ihren Stand direkt neben den Gurtenfestival-Leuten gehabt. Das Konzept von anti-etatistischer Gegenkultur stehe zurzeit nicht zur Diskussion. Es gebe eine Kultur und insofern sei wichtig, wer an den Verteiltöpfen des Staates stehe. Sein Tipp: reingehen und wenn’s aus irgendwelchen Gründen nicht geht, zurücktreten. mjk unterstützt zuerst sehr, weil man bei solchen Gelegenheiten nur lernen könne und sie sich über meine sporadischen, fundamentalistischen An- und Ausfälle jeweils ärgert. Als wir darauf kommen, dass ich mir mit dem Beitritt für sechs Jahre die Möglichkeit für Werkbeiträge und Preise verbaue, rät sie ebenso vehement ab: Ich solle als Autor nicht den Ast absägen, auf dem zu sitzen ich angewiesen sei.
Telefongespräch mit Andreas Simmen, Rotpunktverlag (22.8.2000): Aus Sicht meines Verlags gibt es keine grundsätzlichen Bedenken gegen einen Kommissionsbeitritt. Er verweist auf Erhard von Büren, der offenbar in der Literaturkommission des Kantons Solothurn sitzt. Dass die Presse den zweiten Band des NONkONFORM-Projekts schneiden könnte wegen der Zugehörigkeit zur Kommission, scheint ihm unwahrscheinlich: Ebenso gut könne das Gegenteil der Fall sein: dass die Zugehörigkeit zur Kommission als Referenz für die Bedeutung der Arbeit genommen werde.
[1] Zwischen 1995 und 2000 arbeitete ich als Journalist und Redaktor beratend bei der Zeitschrift «Kuckucksnest» der Psychiatrie-Erfahrenen in der Klinik Waldau mit.
(19.07.-20.08.2000; 25.09.2017; 21.06.2018)
Ich habe schliesslich mit dem Vorbehalt einer Überprüfung des Engagements nach einem Jahr zugesagt und bin danach Mitglied geblieben. Die Übernahme des Kommissionspräsidiums habe ich 2005 allerdings dann abgelehnt (vgl. hier, Absage 3).
(05.12.2007; 25.09.2017; 21.06.2018)