Der Paradigmenwechsel in meinem Sprachverständnis findet dann statt, wenn ich Sprache nicht mehr als (vom Eigenen entfremdetes) Material fasse, sondern als Medium. Sprache dient dann nicht mehr dem Zweck der Abbildung, sondern jenem der Kommunikation. Sprache wäre dann gedacht als Transmissionsmittel in einem unendlichen, interdependenten Geschehen, aber nicht mehr als uneinholbar äusserliche Materialität (wie zum Beispiel der Inhalt der Farbtuben bei der Malerei).
Wenn ich Sprache als Medium oder Material nicht antagonistisch denke, sondern als zwei gleichwertige Aspekte des einen Phänomens, dann vermute ich, dass Sprache bei ihrem schriftlichen Gebrauch eher materialen Charakter annimmt, beim mündlichen eher medialen.
(04.08.1992; 23.03.2001; 23.09.2017)
Stimmt letzteres, dann ist Sprache gleichzeitig Natur und Kultur, gleichzeitig Farbe aus der Tube und Luft zum Atmen, gleichzeitig Formbares und unveränderlich Gegebenes, gleichzeitig Handhabbares (das eigen oder fremd sein kann) und Unbeeinflussbares, von dem man als kollektivem Bewusstsein besessen wird. Insofern Sprache kollektives Bewusstsein ist, kann sie nichts Eigenes sein; insofern sie jedoch ausschliesslich im individuellen Bewusstsein neu artikuliert wird, möchte sie immer genau das – nämlich eigen – sein. Spracharbeit muss demnach subjektiv immer das wollen, was sie als Kommunikation objektiv nie können wird.
(23.03.2001, 01.12.2007; 21.06.2018)
Um «Natur und Kultur» geht es im Nachtrag 1 nicht. Der Antagonismus, den ich zu beschreiben versuche, ist einer innerhalb des Begriffs Kultur.
Aber wie formulieren? Sprache sei gleichzeitig Top down-Produkt und Bottom up-Prozess? Oder: Gesellschaftliches Resultat und subjektiver Rohstoff? Oder: Babylonischer Turm und unverbauter Backstein?
(23.09.2017; 21.06.2018)