Zehn Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl

Ein Erbe der Aufklärung ist der Gedanke, Vernunft und Rationalität seien einander äquivalent, das heisst: Was vernünftig ist, ist rational als auch was rational ist, ist vernünftig. Das Projekt der Moderne ist auch die Suche nach einer gesellschaftlichen Praxis für diese Äquivalenz. Dieses Projekt ist in dem Mass gescheitert, in dem die instrumentelle Zurichtung der Rationalität die Vernunft hat unvernünftig werden lassen.

Spätestens mit Auschwitz und Hiroshima ist Vernunft und Rationalität endgültig auseinandergebrochen. Seither gilt: Vernunft ist nicht ohne Rationalität möglich, aber Rationalität ohne Vernunft. Die Rationalitäten der Naturwissenschaften oder der Ökonomie sind offensichtlich in dem Sinn unvernünftig geworden, in dem sie den «menschlichen Massstab» (Max Frisch) als Bezugspunkt verloren haben, ja, ihn geradezu als anthropozentrische Unvernunft denunzieren. Eine Rationalität, die den «menschliche Massstab» als irrational verwirft, hat ein Problem, noch wenn sie nicht unmenschlich wäre: Sie antizipiert eine menschenlose Welt, in der sie sich erst voll wird entfalten können.

Die aufklärerische Äquivalenz von Vernunft und Rationalität, so zeigt sich immer deutlicher, war als Theorie und Praxis Produkt historischer Bedingungen, die es heute so nicht mehr gibt. Vor allem anderen hat die permanente Revolutionierung der Produktionsmittel zur immer vollständigeren Beherrschung der Natur diese Äquivalenz zerstört: Zwar ist Vernunft ohne Natur nicht denkbar, Rationalität aber sehr wohl. Die avanciertesten Techologien (Atom, Gentech, elektronische Kommunikation) haben den historisch gewachsenen «Vernunft»-Begriff zerstört; ihre Hybris besteht darin, dass sie, obschon ganz und gar auf physikalische Tatsachen gegründet, ihre Naturverhaftetheit ignorieren und ihr fokussiertes Stück Natur im Interesse ihrer Geldgeber optimieren. Kultur ohne Natur für denkbar, respektive Rationalität ohne Vernunft für vernünftig zu halten, könnte zugleich Voraussetzung und Irrtum der heraufkommenden postmodernen Welt sein.

Dass in dieser historischen Situation ein anti-aufklärerisches Rollback – vorgetragen von fundamentalistisch-sektenartigen oder esoterischen Gruppierungen und Organisationen – stattfinden kann, ist naheliegend: Wenn die eine Hälfte der Äquivalenz von Vernunft und Rationalität zerstört ist, warum das Heil nicht in der Zerstörung der zweiten suchen; ist es nicht logischer, eine Denkstruktur vollständig zu zerstören, als ihre teilweise Zerstörtheit immer neu zu bedenken und zu beklagen? Wenn – was immer mehr Leute am eigenen Leib erleiden – Rationalität ohne Vernunft die Welt beherrscht, warum nicht einen Glauben, der auf Vernunft und Rationalität gleichermassen verzichtet, als Heilsbotschaft dagegen stellen und in die Welt hinaus tragen?

Weder Rationalität ohne Vernunft noch Vernunft ohne Rationalität bieten ein «menschgemässes» Mass. Solange nicht auf einer neuen Ebene die Äquivalenz von Rationalität und Vernunft denkbar wird – trotz Auschwitz und Hirsohima; Tschernobyl, Xenotransplantation und Internet – irren vernünftige RationalistInnen respektive rationale Vernünftige als belächelte Unzeitgemässe durchs Land.

(26.04.1996: am 10. Jahrestag der AKW-Katastrophe von Tschernobyl; 08.09.2005; 06.10.2017)

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