Stabile Zeiten

 

1.

Wer das Gefühl hat, er lebe in einer vernünftigen Zeit, weiss mit Sicherheit erst, dass er in Zeiten stabiler Herrschaftsverhältnisse lebt.

2.

Ist Vernunft etwas oder bedeutet «Vernunft» etwas? In dieser Frage steckt der linguistic turn, der in der «Überführung des philosophischen Paradigmas des Bewusstseins in dasjenige des Zeichens besteht».[1] Vernunft gäbe es dann, wenn «Vernunft» etwas wäre über ihr Zeichen hinaus. Ist der Nachweis dieses Etwas nicht möglich, verschiebt sich die Diskussion um die Substanz von Vernunft zu derjenigen um die Bedeutung des Zeichens «Vernunft». Wenn zudem «die Bedeutung eines Wortes […] sein Gebrauch in der Sprache» ist[2], was bedeutet dann hier und heute der Satz: Ich lebe in einer vernünftigen Zeit?

3.

Der Gebrauch der Sprache im allgemeinen und des Begriffs «Vernunft» im speziellen ist kein Naturereignis, sondern Mittel und Zweck von gesellschaftlicher Herrschaft. Mittel insofern, als mit der Steuerung der Bedeutung und des Gebrauchs von Begriffen die Legitimation von Herrschaft sich erhält und erneuert. Und Zweck insofern als der gesteuerte Gebrauch der Begriffe die Herrschaft in der Sprache widerspiegelt und stabilisiert.

4.

Es gibt keine machtlose Vernunft. Deshalb redet, wer von Vernunft spricht, immer von Macht. So, wie du zur Macht stehst, stehst du zur Vernunft.

5.

Den herrschenden «Vernunft»-Begriff in Frage stellen heisst: die Machtfrage stellen. Den herrschenden «Vernunft»-Begriff in Frage stellen und die Machtverhältnisse verteidigen heisst – nicht nur in meinem Land: sozialdemokratische Schizophrenie.

6.

Wer den Begriff «Vernunft» verteidigt, verteidigt damit die rationale, eben vernünftige Begründung der bestehenden Machtverhältnisse. Wer die Vernunft kritisiert, macht sich des Irrationalismus verdächtig, weil er zweierlei tut: Einerseits bestreitet er die bestehenden Machtverhältnisse, andererseits deren vernünftige Begründbarkeit. Macht ohne den Schein einer vernünftigen Begründung kann aber nicht exakt von Gewalt unterschieden werden. Wer die Vernunft zu delegitimieren versucht, steht deshalb zuerst einmal immer auf seiten der Unvernunft, egal ob er jede Macht für Gewalt hält oder eine andere Vernunft postuliert, das heisst, eine andere Macht als die herrschende zur vernünftigen erklärt. Die Geschichte gibt im Rückblick jenen Recht, die die Gewalt haben, ihren «Vernunft»-Begriff in die Praxis einer Machtausübung umzusetzen.

7.

Wenn man zu dir sagt: «Sei vernünftig», so heisst das: Das, was du gesagt oder getan hast, liegt ausserhalb des Vernunft-Begriffs, der hier und jetzt herrscht. Du hast in diesem Sprachspiel dann die Wahl, dich als ausserhalb der Vernunft verharrend, als unvernünftig delegitimieren zu lassen; dich zu unterwerfen, also vernünftig zu werden; oder aus dem Regelwerk des Spiels auszubrechen, indem du den herrschenden Vernunft-Begriff in Frage stellst. Insofern du der Vernunft nicht mehr anzugehören den Anspruch hast, wird dir die Gesellschaft dann eine private Vernunft zugestehen, deren genaue Bezeichnung sie dem diagnostischen Vokabular der herrschenden Psychiatrie überlässt.

8.

Wenn es so wäre: Als verschrobene Minderheit behauptet die Sekte der sogenannten Aufklärung einen idealen «Vernunft»-Begriff, der in der Wirklichkeit keine Entsprechung hat und darum geglaubt werden muss wie andere metaphysische Ideologeme auch. Zwar haben die Vorbeter (Vorbeterinnen sind bis heute selten) immer wieder versucht, Vernunft und Wirklichkeit einander anzunähern. Dabei ist ihnen dummerweise die Vernunft als Substanz abhanden gekommen.

9.

Darf man fragen, wie sinnvoll es sei, einen idealen Vernunft-Begriff als zunehmend entsubstantialisierte Substanz wie die frühe Kritische Theorie oder, wie Habermas, prozedural als «diskursive Einlösung von normativen Geltungsansprüchen» innerhalb des «herrschaftsfreien Diskurses» zu verteidigen?[3] Die zukünftige Bedeutung des Begriffs Vernunft» wird eher im BMW-Konzern als auf der Spielwiese der akademischen Aufklärungsapologeten festgelegt. Immerhin sind die Heckscheiben von neuen BMW-Autos zurzeit mit der Aufschrift versehen: «Katalysator – Vernunft der Zukunft».

10.

Vielleicht sollten wir bescheidener werden. Statt Vernunft als Substanz oder Prozedur ideal festschreiben zu wollen, wäre es nützlicher, uns mit dem real herrschenden, ideologischen Vernunft-Begriff auseinanderzusetzen anhand der Frage: Wie steht es hier und heute mit den Besitzverhältnissen am Begriff Vernunft?

11.

Der Vernunft-Begriff als absoluter, also a-historischer, ist leer. Jeder Begriff ist Produkt der gesellschaftlichen Bedingungen, die ihn prägen. Adorno hat Recht, wenn er Vernunft nicht mehr als fixe Grösse, sondern in einer dialektischen Bewegung, die sich im Medium Mensch-Natur vollziehe, suchen will.[4] In dieser Bewegung ist Vernunft nicht, sondern wird – in einem nicht-teleologischen Sinn – andauernd. So gesehen wäre nicht mehr zu tun als Einfluss zu nehmen auf diese Bewegung. Während die real existierende Vernunft herrscht, scheinen – unendlich gewaltig und unendlich machtlos, wie gewittriges Wetterleuchten über einem Atomkraftwerk – an ihren Rändern fortwährend ihre Alternativen auf.

12.

Nicht nur die Aufklärung ist totalitär.[5] Auch ihr Instrument, die Vernunft, ist es, insofern sie als monolithisch und ausschliesslich verstanden wird. Totalitäre Vernunft ist nicht zu unterscheiden von der Angst eines Machtanspruchs vor seiner Delegitimierung.

13.

Im Augenblick der Absetzung (der Delegitimierung) von Macht wird sie vor der Welt zu dem, was sie schon immer war: eine politisch effiziente Praxis der Unvernunft.

14.

Am Ende der Vernunft ist der Befehl, das Feuer zu eröffnen auf auftauchenden Feind – am Ende der Unvernunft das verzweifelte Lachen vor den drohenden Gewehrläufen.

15.

Auch wenn die Welt deswegen nicht von heute auf morgen kopfsteht: Nichts ist subversiver, als den ausgegrenzten und stumm gemachten Unvernünften und Wahnsinnen immer wieder ihren Weg zu ebnen zur Unterspülung der Fundamente der Vernunft. (Foucault lesend.)

[1] Manfred Frank: Was ist Neostrukturalismus? Frankfurt am Main (suhrkamp) 1984, S. 282.

[2] Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe Band 1. Frankfurt am Main (suhrkamp), 1984, S. 262 («Philosophische Untersuchungen» Nr. 43).

[3] Helga Gripp: Jürgen Habermas. Paderborn u.a. (UTB/Schönringh = UTB 1307) 1986, S. 120ff.

[4] Nach Helga Gripp, a.a.O., S. 128.

[5] «Aufklärung ist totalitär», vgl. Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main (Fischer) 1988, S. 12, 15 + 31.

(31.03./01.04.1989 [Notizbuch 1989ff., 1-16]; 17./20.04. + 16/17.06.1997; 06.10.2017)

 

Nachtrag 1

In Mexiko soll der alte Antonio dem Subcomandante Marcos, dem Sprecher der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) eines Nachts ins Tagebuch geschrieben haben: «Wenn du nicht gleichzeitig die Vernunft und die Kraft hast, wähle immer die Vernunft und überlass dem Feind die Kraft. In vielen Kämpfen ist es die Kraft, die zum Sieg führt, aber den Krieg gewinnt nur die Vernunft. Der Mächtige kann niemals Vernunft aus seiner Stärke ziehen, wir aber immer Kraft aus der Vernunft.» («Le monde diplomatique» dt., August 1997)

(17.08.1997)

 

Nachtrag 2

Zu Terry Rileys Adolf Wölfli-Kammeroper («The Saint Adolf Ring», 1993): Wahnsinn heisst auch, in der Gegenwart unverstehbar (hermetisch, ohne Anspruch auf «Kommunikation») zu bleiben und im Nachhinein beliebig interpretierbar (missbrauchbar?) zu sein. Wahnsinn ist ein Spiegel, hinter dem sich Wahnsinnige verstecken (auf die Gefahr hin, dahinter unrettbar verloren zu gehen). Der Wahnsinn, den andere von aussen in diesem Spiegel erkennen, ist immer deren eigener.

(10.04.1994; 22.05.2018)

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