Nullsummenspiel

Wann wird die beiläufige Einsicht einer Wahrheit zur Erkenntnis? In jenem Moment, in dem ich diese Wahrheit aufgrund eigener Denkanstrengung für mich überzeugend widerlegen kann. Was unwiderlegbar ist, ist weder wahr noch unwahr, sondern ein dogmatischer Glaubensinhalt. Wahrheit ist relativ. Das Wahre ist nur in jenem Mass wahr, indem es gleichzeitig widerlegbar ist. Das Wahre ist das Widerlegbare. Das Unwiderlegbare ist unwiderlegbar. Darum muss es geglaubt werden.

Mit der Erkenntnis wächst, dialektisch verschlungen, ihr Widerspruch. Aufklärung schreitet nicht teleologisch fort. Je entschiedener ihre rationale Kraft, desto stärker ihr irrationales Rollback. Aufklärung ist ein Nullsummenspiel – jene Aufklärung, die sich diesem Paradox entzieht, ist Religion. Weil sich Wahrheit und ihre Widerlegung in der Praxis des Denkens unauflösbar verschlingen, kann das Wahre in jedem Augenblick in das Unwahre umschlagen (und umgekehrt).

Freilich: Mit einer solchen Wahrheit ist kein Staat zu machen. Darum braucht dieser auch nicht Wahrheit, sondern das Gewaltmonopol und, um die Wahrheit im Zaum zu halten, ideologische Staatsapparate (Schulen, Armeen, Kirchen, Medien etc).

Das wichtigste Geschäft funktionierender Staaten ist jenes, das nie und nirgends traktandiert wird: Wahrheit fortwährend in Ideologie zu zersetzen und so herrschaftstauglich zu machen.

(09.02.1991, 03.04.1998; 11.10.2017; 17.06.2018)

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