Kritik hat keine Hoffnung

Max Horkheimer sagt: «Der allgemeine Malaise lässt sich verstehen als Ausdruck dafür, dass die Menschen keine Hoffnung mehr auf eine sinnvolle Neuordnung der Gesellschaft haben, dass es ihnen also trotz grösstem Wohlstand subjektiv schlechter geht als früher.»[1]

Mag sein, dass dies heute – mehr noch als in den frühen sechziger Jahren, als Horkheimer es sagte – objektiv zutrifft. Vielleicht scheint es aber subjektiv lediglich so, weil die laufenden Bemühungen der Kritik auch deren Grenzen immer deutlicher aufzeigen (die Hoffnung der meisten Menschen ist ja wohl zu keiner Zeit «auf eine sinnvolle Neuordnung der Gesellschaft» gerichtet gewesen – vermutlich haben dies zu allen Zeiten ein paar weitsichtige Geister bloss gehofft).

Horkheimer kennt nicht nur «den Malaise»; er kennt auch die Grenzen der Kritik: «Jedes Positive, was dem Geschehen oder der Meinung anderer entgegengehalten wird, wird falsch. Das Absolute lässt sich nur in der Relativierung bezeichnen, das heisst, in der kritischen Haltung allem gegenüber, was mit dem Anspruch auftritt, die Wahrheit zu sagen.»[2] Abgesehen davon, dass bei Horkheimer das Pathos der Resignation mitschwingt, gründet diese auf dem gescheiterten Versuch, Kritik als das «Negative» und ein gesellschaftliche Projekt als das «Positive» in einer Position vereinbar zu denken.

So gesehen muss sich jeder Mensch einmal entscheiden: Entweder er arbeitet am gesellschaftlichen Projekt mit oder er kritisiert es. Die Kritik, die die Reformierbarkeit des Bestehenden als das Wahre setzt, ist häufig illusionär; die Praxis, die ihre Reformierbarkeit ausschliesst, ist ebenso häufig verschleierte Gewalt.

Weil sich Praxis und Kritik unverbunden gegenüberstehen, ist nützliche Kritik keine. Kritik ist nie nützlich. Darum hat Kritik keine Hoffnung. Jede Kritik an teleologischen Krücken ist ein säkularisiertes Glaubensbekenntnis: Kritik, die im Bewusstsein kritisiert, das utopische Ziel zu kennen, das die kritisierte Praxis obsolet mache, gründet auf einem quasi-religiösen Führungsanspruch und hat jenen auf Aufklärung verwirkt.

Wenn François Lyotard das Ende der grossen Erzählungen – auch als Referenzsysteme für die Kritik – postuliert, so sagt er nichts anderes als dies: Für jede zu Ende gedachte Position der Aufklärung ist der Versuch der theoretischen Legitimation einer Handlungsperspektive die Wiederkunft der Metaphysik. Kritik wird überhaupt erst möglich nach dem Verzicht auf grosse Erzählungen. Der Niedergang jener Kritik, die auf grosse Erzählungen rekurriert, ist nicht das Ende der Kritik, sondern deren ent-täuschter Anfang. Kritik kann niemals sagen: «Ich habe recht» – das Äusserste, was sie sagen kann, ist: «Du hast auch nicht recht.»

So ist zwar Horkheimers Position wieder erreicht – alles, «was mit dem Anspruch auftritt, die Wahrheit zu sagen», ist kritisierbar und muss kritisiert werden. Weggefallen ist aber das Pathos der Resignation. Es gibt keinen Legitimationsnotstand der Kritik. Kritik hat sich nicht zu legitimieren, sie hat zu kritisieren, indem sie dafür sorgt, dass jede Wahrheit im sozialen Raum relativ bleibt: Die letzte Konsequenz von absolut gesetzter Wahrheit im sozialen Raum ist immer der Massenmord.

Fragt dich einer, wie du deine Kritik legimieren wollest, so antworte: «Eher als die Erlösung der Menschheit will ich die Kritik an jenen verantworten, die davon leben, sie zu propagieren.» Fragt jener weiter: «Du willst also nicht erlöst werden?», so antworte: «Von dir sicher nicht.» Und geh.

[1] Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Band 14. Frankfurt am Main (Fischer) 1988, S. 378.

[2] Max Horkheimer, a.a.O., S. 380f.

[3] François Lyotard: Das postmoderne Wissen. Graz/Wien (Edition Passagen) 1986, S. 96ff.

(29.08.1989, 16.09.1997; 11.10.2017; 17.06.2018)

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