etüde im begriffsfeld «vernunft/herrschaft»

 

1.

vernunft, die sich nicht gehör zu erzwingen vermag, ist keine vernunft.

deshalb gibt es keine vernunft in der herrschenden unvernunft.

denn es gibt keine vernunft, wenn sie nicht herrscht.

herrschende vernunft ist die vernunft der herrschenden.

herrschaft macht vernunft, vernunft ist herrschaft.

die vernunft der herrschenden ist das interesse der herrschaft.

das interesse der herrschaft beherrscht die vernunft.

beherrschte vernunft ist unvernünftig, denn sie erzeugt vernünftige beherrschte.

herrschende vernunft ist unvernünftig, denn sie erzeugt unvernünftige beherrschte.

darum verhindert die herrschende unvernunft vernunft.

 

2.

vernunft ist wahrheit.

wahr ist, was sich durchsetzt.

was sich durchsetzt, sind die herrschenden interessen.

die herrschenden interessen sind der machtanspruch der wenigen über die vielen.

der machtanspruch der wenigen über die vielen wird vernünftig genannt.

was vernünftig genannt wird, wird durchgesetzt.

vernunft ist, was sich durchsetzt.

Was sich durchsetzt, wird wahr:

wahrheit ist vernünftig.

wahrheit ist unvernünftig.

 

3.

sklavensprache: «der vernunft gehorchend». wer befiehlt der vernunft?

der unterworfene adelt den unterwerfenden zum schicksal.

das schicksal des unterworfenen ist die hybris des unterwerfenden.

die vernunft der unterwerfenden ist unveränderbar, das verändernde ist das schicksal: die waffe gewordene unvernunft.

vernunft postuliert paradies, verhindert veränderung: ordnet die welt.

 

4.

vernunft ist ein sozialer terminus – ein gesellschaftliches verhältnis –, natur ist vernunftfrei.

vernunft ist nur insofern vernunft, als sie gesellschaftliche verhältnisse strukturiert.

vernunft ist nur insofern vernunft, als sie ein machtverhältnis bezeichnet.

vernunft ist die übertüchung der herrschaft mit dem lauf der dinge.

(20.-27.05.1990; 26./27.09.1997; 06.10.2017; 14.06.2018)

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