Emanzipative Kritik ist doppelzüngig

Am Anfang ist die Anmassung der öffentlichen Sprachkompetenz. Angestrebt wird grundsätzlich Diskurshegemonie: Es gibt kein öffentliches Reden, das nicht Recht haben will. Dieser Machtanspruch wird in der öffentlichen emanzipativen Kritik legitimiert mit einem andern: jenem, die Diskurshegemonie sei Mittel zum Zweck der Emanzipation des Menschen von Machtansprüchen. Die Doppelzüngigkeit dieser Kritik besteht darin, dass sie unter dem Banner der Befreiung des Menschen von Macht die Macht der sprechenden Person beansprucht zu reden und gehört zu werden.

Was tun? Den Machtverzicht dieses kritischen Diskurses proklamieren? Damit wäre nicht mehr als mitleidiges Lächeln zu gewinnen, denn: Wie kann ich den Machtverzicht proklamieren, wenn seine Proklamierung nur aufgrund einer Machtanmassung praktisch möglich ist?

(19.06. + 13.11.2001; 11.10.2017+17.06.2018)

 

Nachtrag

Aber was dann? Schweigen als einzige legitime Form, emanzipative Kritik öffentlich vorzutragen?

Und falls nein: Wie kann solche Kritik legitimiert werden? Selbstkritisch – indem sie die narzisstische Bedürftigkeit der kritisierenden Person in Rechnung stellt? Kommunikativ raffiniert – indem die Herrschaftsfreiheit des eigenen, überlegenen Arguments behauptet wird? Politisch offensiv – indem die vorgetragene Kritik zur historischen Notwendigkeit polemisiert wird? Ethisch vorlaut – indem auf die prophetische Bedeutung des Vorgetragenen und darauf verwiesen wird, von einem Gott geschickt worden zu sein?

Die Aporie bleibt. Zum Glück ist scheint sie ohne Belang zu sein. Öffne ich das Internet, stelle ich Radio oder Fernsehen ein, wird mir unmittelbar klar, dass, wer öffentlich kritisiert, so oder so dieses Problem nicht kennt.

[11.10.2017; 17.06.2018)

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