Die Vernunft des gesunden Menschenverstands

Vernunft als objektivierbarer Faktor hat in der Praxis des einzelnen eine viel kleinere Bedeutung als jenen lieb sein kann, die glauben, die Vernunft regiere mit teleologischer Notwendigkeit zunehmend die Welt.

Objektivierbare Vernunft ist ein über die Jahrhunderte kollektiv erarbeiteter Begriff. Dieser Begriff ist schön gedacht und eine starke Spielmarke im selbstreferentiellen Diskurs von Bildungsprivilegierten. Dass diese Vernunft deshalb ausserhalb dieser Schönredewelt wirkungsmächtig sei, ist über gern zitierte Einzelfälle hinaus eine fromme Hoffnung.

Die in der subjektiven Praxis wirkungsmächtige «Vernunft» ist etwas anderes, nämlich der von Mensch zu Mensch unterschiedlich gedachte «gesunde Menschenverstand», den jeder und jede für sich als «vernünftig» halten mag, es aber tatsächlich nur zufälligerweise und punktuell ist.

«Gesunder Menschenverstand» ist ein Mix von Zwängen, Interessenlagen und persönlichen Vorlieben. Wenn im öffentlichen Raum – insbesondere in der Politik – von «Vernunft» die Rede ist, so ist in aller Regel der gesunde Menschenverstand der redenden Person gemeint. Ungesund daran ist weniger das Gerede, als der Geltungsanspruch als Machtgestus, der sich hinter dem Gerede verbirgt.

Die «Vernunft» als Begriff oder als Prozess ist hingegen eine elaboriert ausdifferenzierte Idee, wie es sie in Köpfen von Gebildeten viele gibt. Dass deswegen die Welt – im Grossen wie im Kleinen – vernünftiger geworden wäre oder in Zukunft werden würde, ist die Behauptung jener, die davon leben, sich auf elaborierte Definitionen von Vernunft zu berufen, wenn sie ihrem gesunden Menschenverstand zum Durchbruch verhelfen wollen.

(13.7.2013; 22., 23.05.+15.06.2018)

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