Glücksspiele sind Sozialtechniken, die die Ungerechtigkeit der Welt als ontologische Kraft erfahrbar machen: Wer nach den Regeln des Glücksspiels handelt, lernt, sich in das Schicksal des Verlierers zu ergeben. In Glücksspielen wird das Unrecht aus der sozialen Welt gespiegelt und im Zufall symbolisiert, der als blindes Schicksal waltet. Glückspiele sind Religionen – also Gottesspiele – in einer säkularisierten Weltsicht.
Der Kapitalismus ist ein Glücksspiel, das jenen, die an seine Spielregeln glauben, vorspiegelt, das Glück des Tüchtigen gründe auf etwas anderem als auf dem menschgemachten Unrecht ökonomischer Ausbeutung, das sich als Schicksal verkleidet. Tatsächlich aber ist es so, dass, wie in jedem Glücksspiel, auch im Kapitalismus die Wahrscheinlichkeiten den Absichten von Menschen unterworfen sind und von ihnen nach Kräften gesteuert werden.
Der Diskurs über den Kapitalismus ist ein Glückspieldiskurs. Solche Diskurse legitimieren das Spiel, indem sie das Glück der wenigen Sieger zur umfassenden Regel des Spiels machen und so die Tatsache eskamotieren, dass in jedem Glückspiel die allermeisten verlieren müssen, damit es funktioniert. Glücksspiele sind Unglücksmaschinen wie der Kapitalismus für die Mehrheit der Menschheit eine Unglücksmaschine ist.
Die meisten Glücksspiele haben einen Anfang und ein Ende, und zu verlieren lässt sich in aller Regel als vorübergehendes Ärgernis wegstecken. Der Kapitalismus allerdings scheint kein Ende zu haben. Wer nicht mitspielt, hat schon verloren, und wer mitspielen will, hat als Einsatz sein Leben zu setzen. Nun ja, irgendeinmal verliert man es ja sowieso.
(10.6.2012; 22.05.2018)