Drei Tage unter Kollegen

Vom 5. bis zum 7. Mai 1989 drei Tage im VPOD-Feriendorf in Sessa. Es besteht aus einem Hotel und mehreren zu Reihen zusammengebauten Ferienhäuschen ausserhalb des Dorfs, in einem lichten Wald von Laubbäumen. Die Anlage ist proper, solid und von kleinbürgerlich-behäbigem Wohlstand. Der Esssaal, eine schmale, lange Holzkonstruktion, könnte auch Teil eines ländlichen Mehrzweckgebäudes sein oder ein Kirchgemeindesaal.

Als ich, vor dem Aufenthalt, bei der Reservation eines Zimmers als Gewerkschafter die Rezeptionistin am Telefon selbstverständlich dutze, ist sie befremdet: Sie dutze nur Leute, die sie kenne. Während des Aufenthalts beobachte ich die Chefin, gepflegt und aufrecht wie eine Fernsehansagerin, die ihr offensichtlich mehrheitlich ausländisches Servicepersonal – ich sehe mehrere junge Frauen und einen jungen Mann – mit Unteroffiziersstimme herumkommandiert und sich während eines Abendessens gegenüber Gästen am Nebentisch rühmt, sie habe immer zu organisieren verstanden, «wenn man mir nicht dreinpfuscht».

Die Gäste sind mehrheitlich um die sechzig und weder im Umgang, noch im Auftreten, noch in der Kleidung zu unterscheiden von TouristInnen auf der Piazza Grande in Locarno. Diese Gäste wollen etwas Rechtes für ihr – doch, doch: sauer verdientes – Geld und sind, so scheint es, aus Prinzip übergewichtig.

Ich mache in diesen drei Tagen kaum eine Beobachtung, die auf ein soziokulturelles Selbstverständnis einer Gewerkschaft hinweisen würde, auf einen Stützpunkt dessen, was man früher als «Arbeiterbewegung» bezeichnet hätte (allerdings habe ich im Vorbeigehen durch Fenster zwei leere Sitzungsräume erspäht, die zu anderen Zeiten zur Arbeiterschulung gedient haben mögen). Die Utopie des Gewerkschaftstreffpunktes hat sich erschöpft und ist zur Bereitstellung einer solid kleinbürgerlich-touristischen Infrastruktur geworden.

Klar wird mir, dass verwirklichte Utopien nichts als Illusionen sind, die diese Utopie karikieren. Im Übrigen ist das Wetter frühsommerlich warm, das Kastanienlaub noch hellgrün. Und auf sonnenwarmen Steinen huschen Eidechsen vorbei.

(11.05.1989; 04.07.1997; 25.04.+07.05.2018)

 

Nachtrag

Das habe ich schon fast vergessen: Ende der 1980er Jahre beschäftigte mich die Tatsache nachhaltig, dass es zwar noch Gewerkschaften, aber keine Arbeiterbewegung mehr gab (siehe auch hier, Nachtrag 2). Später bin ich zum gewerkschaftlichen Realo geworden, der bis heute lieber mit den Leuten von Bau und Industrie und den zumeist brotlosen AdS-LiteratInnen solidarisch ist, als mit den weniger werdenden Festangestellten der verbliebenen Medienkonzerne (siehe hier, Nachtrag 3).

Bis heute vermute ich, dass nennenswerte gesellschaftliche Veränderungen in Richtung einer für die Lohnabhängigen gerechteren Gesellschaft nicht von FunktionärInnen erstritten werden können. Für Veränderungen braucht es eine Bewegung. Bewegungen entstehen aber nur dort, wo kulturelle Prozesse in Gang kommen. Und kulturelle Prozesse kommen nur dort in Gang, wo der Geist weht. Und der Geist weht, wie man weiss, wo er will. Auch der linke.

(25.+30.04.2018)

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