Begegnung vor der Heiliggeistkirche

Abends, viertel nach sechs. Ich hab’s eilig, weil ich noch einkaufen will. Bei der Heiliggeistkirche werde ich von einem Typen aufgehalten, der sich von schräg vorn nähert und mich – an mir vorbei ins Ungefähre – anspricht. Er ist jung, sein Gesicht ist aufgedunsen, leidend, wie mir scheint, seine Gesten fahrig, unbestimmt: Ob er mich etwas fragen dürfe. Dann sprudelt er los: Er sei auf Methadon, er habe Probleme mit der Miete seiner Loge, ob ich den «Freien Fall» kenne, auch sei er in der Waldau, auf dem K 2 für den Entzug angemeldet.

Ich will weiter, stelle kurzangebunden fest, er sei wohl auf dem Aff, mehr als zwei Franken hätte ich nicht für ihn, krame mein Portemonnaie hervor, gebe ihm die Münze, noch bevor er überhaupt nach Geld gefragt hat. (Will er überhaupt Geld? Die wollen doch immer Geld! Aber was wollte er wirklich?) Er murmelt einen Dank, geht wankend weiter.

Zehn Minuten später bin ich auf dem Rückweg. Ohne mich zu sehen, kommt der gleiche Typ wieder direkt auf mich zu. Jetzt torkelt er, schlägt mit beiden Fäusten gegen den Schädel, redet erregt vor sich hin, dass er sich jetzt dann umbringe. Als er auf meiner Höhe ist, spricht er mich völlig mechanisch an mit dem Standardsätzchen, das ich schon kenne: Ob er mich etwas fragen dürfe. Ich unterbreche ihn: Mich habe er schon eben vorhin angepumpt (hat er, genau genommen, nicht).

Er stöhnt auf, murmelt: «Ich weiss» und torkelt weiter. Er leidet wirklich. Ich wende mich ab. Heimzu.

(04./06.09.1990; 07.11.1997; 25.04.2018)

 

Nachtrag

Die schlagendsten Argumente gegen alle hochtrabenden gesellschaftlichen Entwürfe, also gegen die schlüssigen Weltbilder der Macherinnen und Macher in der Welt der Tüchtigen, ergeben sich aus der exakten Darstellung individueller Biografien. Im geronnenen Leben, im gelebten Leid enthüllt sich die abgehobene Hohlheit jeglicher sprachlichen Abstraktion.

(Mai 1994; 23.08.2005; 25.04.+07.05.2018)

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