Ein Mäander versickert

1.

«Bern, 23. Mai 2005

Lieber Uli

Meine Frage an Dich hängt zusammen mit Deiner sprachwissenschaftlichen Arbeit und der Tatsache, dass ich letzthin Deine Zusammenfassung ‘Neue Aspekte der Syntax-Theorie’ gelesen habe.[1] Wenn ich Dich richtig verstehe, stellst Du gegen die herrschende akademische Grammatik eine Perspektive, die den Blick öffnet auf die historische Gewordenheit der Sprache, ohne dass Du im engeren Sinn ‘Sprachgeschichte’ betreibst (S. 8). Entsprechend zeigst Du die Sprachentwicklung stärker ‘ontogenetisch’ entwicklungspsychologisch als ‘phylogenetisch’ menschheitsgeschichtlich. Ich vermute, letzteres wäre für Deine Zwecke ein allzu spekulatives Vorgehen. Aber immerhin gibst Du den Hinweis: ‘Es lässt sich leicht vorstellen, dass eine frühe Hominidenpopulation ihr Überleben genau diesem Zusammenhang verdankt: Derjenige, der das Sagen hat, lenkt seine Population mit Kommandos wie Auf! – Weg! – Hinüber! in angenehme Gefilde. Die Sprache fängt mit Raumkoordinierenden an.’ (S. 3)

Ich schliesse nicht aus, dass Du mich durch unsere verschiedenen Gespräche über Dein Projekt auf ein höchstspekulatives Argument gebracht hast, das mit der Entstehung der menschlichen Sprache zu tun hat. […] Zu meinem Privatvergnügen denke ich deshalb zurzeit an der Hypothese von zwei sich konkurrierenden Sprachuniversen – dem sozialen und dem existentiellen – herum, weil mir die grundsätzliche Idee gefällt, dass die Unmöglichkeit, sprachlich wirklich eindeutig zu sein, auf die menschheitsgeschichtliche Gewordenheit der Sprache zurückzuführen ist und dass das, was die Sprache mehrdeutig macht, der immer neu stattfindende Verwerfungs- und Überlagerungsprozess ist, der sich aus dem Machtkampf zwischen dem ‘sozialen’ und dem ‘existententiellen’ Diskurs ergibt und der zu allen Zeiten den realen Machtkampf zwischen den Kriegern/Häuptlingen einerseits und den Schamanen/Priestern andererseits gespiegelt hat und spiegelt. […]

Mich würde natürlich interessieren, ob ich aus Deiner Sicht an einer unrettbaren Schnapsidee herumlaboriere oder ob der Gedanke, dass Sprache in ihrer historischen Gewordenheit ähnlich geschichtet ist wie geologische Formationen – nur dass da eben nicht Kalk, Gneis und Nagelfluh nebeneinander stehen und aufeinander treffen, sondern konkurrierende Bedeutungsebenen von artikulatorisch klanglich identischen Lauten (die Konkurrenz hätte aus meiner Sicht dann mit dem Machtkampf um die Bedeutungshegemonie der Begriffe zu tun und mit meiner Lieblingsfrage: Wem gehört die Sprache?).»[2]

[1] Ulrich Schülke: Neue Aspekte der Syntax-Theorie, Typoskript 2005.

[2] In meinen Unterlagen finde ich eben den ausführlichen Antwortbrief von Schülke vom 17. Juni 2005. Er hat mir mit mehreren Beilagen und Quellenverweisen neue Wege aufgezeigt, auf denen ich mich in der Folge verloren habe. (30.05.2018)

(21.05.2005; 10., 17.04.+30.05.2018)

 

2.

In einem «Handbuch der Semiotik» finde ich folgende Hinweise «Zum gestischen Ursprung der Sprache»:

«Anatomische Studien des Vokaltraktes und der Phonationsorgane der nichthumanen Primaten haben gezeigt, dass die Artikulationsorgane, z. B. von Schimpansen, zur Entwicklung von Lautsprache nicht hinreichend ausgebildet sind. Von welchem anatomischen Entwicklungsstand an der Vokaltrakt und die Sprechwerkzeuge sich so gebildet hatten, dass Lautsprache phonetisch möglich wurde, ist noch nicht geklärt. Schätzungen datieren die Anfänge dieses Prozesses auf bis zu 500’000 Jahre zurück[1], aber die volle anatomische Ausbildung der phonetischen Artikulationsorgane hat sich womöglich erst vor 50’000 Jahren ereignet. Wesentlich ist, dass subhumane Primaten aus anatomischen Gründen nur wenige Laute artikulieren können, demgegenüber aber ein erstaunliches Geschick im Erwerb verschiedener Gebärdensprachen zeigen. Auch in der Evolution der menschlichen Kultur fanden lange vor der vollen Ausprägung des humanen Vokaltraktes bereits manuell produzierte Artefakte Verwendung (mindestens 300’000 Jahre). Naheliegende, wenn auch nicht unumstrittene Schlussfolgerungen aus dieser Beobachtung und aus Überlegungen zur Universalität einiger elementarer Gesten haben deshalb zu der Hypothese vom gestischen Ursprung der menschlichen Sprache geführt.»[2]

[1] «Der frühestmögliche noch ernsthaft vertretbare Zeitpunkt für die Ursprünge der menschlichen Sprache liegt zwei Millionen Jahre zurück.» (Tore Janson: Eine kurze Geschichte der Sprachen. München (Spektrum akademischer Verlag) 2006, S. 259).

[2] Winfried Nöth: Handbuch der Semiotik. Stuttgart/Weimar (Verlag J. B. Metzler) 2000, S. 302f.

(11.2006; 10.04.2018)

3.

Kollege E. P. widerlegt meine These von den beiden menschheitsgeschichtlich gewachsenen Diskursuniversen, die die Bedeutung der Sprache durch Überlagerungen und Verwerfungen immer neu festlegen, mit dem Argument der ontologischen Differenz zwischen Bedeutetem und Bedeutendem. Also damit, dass das, was ich sage, nie etwas Eindeutiges bezeichnen kann, weil das, was ich unter dem Gesagten verstehe, nie das ist, was andere unter meinem Gesagten verstehen.

(nach 05.2005; 10.+17.04.2018)

Hier verlieren sich die Spuren meines Selbstverständigungsprozesses über Die Entdeckung eines zweiten Sprachuniversums.

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