Die Rückseite des Metapherngestöbers

Über den Schriftsteller E. Y. Meyer lese ich im «Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur», nachdem er Kants «Kritik der reinen Vernunft» gelesen habe, sei ihm die Welt auseinandergebrochen «in das ‘wahre Sein’, das wir niemals zu ergründen vermögen, und in die Welt der ‘Erscheinungen’».[1] Die Welt der Erscheinungen kann ich als Welt der Diskurse im sozialen Universum sehen, die nie wahr sein können. Das «wahre Sein» liegt ausserhalb dieser Sprache in dem, was Paul Celan als «Dröhnen» bezeichnet hat.[2]

[1] Anton Krättli: E. Y. Meyer, in: Kritisches Lexikon der Gegenwartsliteratur (7. Nlg.), S. 3.

[2] Ich spiele hier auf ein Gedicht im vierten Teil des Zyklus «Atemwende» (1967) an. Es lautet: «EIN DRÖHNEN: es ist / die Wahrheit selbst / unter die Menschen / getreten, / mitten ins / Metapherngestöber.» (Paul Celan: Gesammelte Werke. Zweiter Band. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1986, S. 89)

(22.10.2004)

 

Nachtrag 1

Da der soziale Diskurs der ursprüngliche ist, der existentielle aber der daraus gebildete metaphorische, kann letzterer das «wahre Sein» noch weniger ausdrücken als ersterer. Der soziale Diskurs ist nie «wahr», weil er interessengeleitet ist; der existentielle ebenso wenig, weil er metaphorisch und also uneigentlich spricht. Insofern liegt Celans «Dröhnen» als Sprachutopie im sprachlich Unvorstellbaren.

(09.02.2005; 23.04.2018)

 

Nachtrag 2

Stimmt das, was ich im Nachtrag 1 sage? Gibt es zwischen dem sozialen und dem existentiellen Sprachuniversum so etwas wie ein Basis-Überbau-Verhältnis? Oder gibt es nicht vielmehr das Problem, dass die Menschen, um zu überleben, die Sprache des sozialen Universums sprechen müssen und weder Zeit noch Musse haben, diese Sprache im Sinn des existentiellen Diskurses als Fremdsprache neu zu sehen, reden und verstehen zu lernen?

Das «Dröhnen» des existentiellen Sprachuniversums liegt tatsächlich insofern im Unvorstellbaren, als es innerhalb der Sprache des sozialen Universums keinen Ort hat, nicht-metaphorisch wahr zu sein. Aber das stimmt, umgekehrt betrachtet, wohl ebenso: Die Utopie des sozialen Sprachuniversums liegt insofern im Unvorstellbaren, als sie innerhalb der «Dröhnens» des existentiellen Universums keinen Ort hat, nicht-metaphorisch gerecht zu sein.

Celans Gedicht beschreibt in diesem Zusammenhang die Vision, dass die Wahrrede des existentiellen Sprachuniversums als ganz andere Sprache in die soziale Welt der Menschen komme, bloss als Dröhnen wahrzunehmen sei, aber das soziale Sprachuniversum als scheinhaftes Metapherngestöber durchschaubar mache.

Dass das Gedicht diesen Moment nicht in der Zukunfts-, sondern in der Vergangenheitsform schildert («ist…getreten») interpretiere ich so: Das Dröhnen wird nicht erst in Zukunft in die Welt kommen, sondern es ist schon immer hier – aber eben bloss als unverstandenes Dröhnen, das man im Alltag wie ein lästiges Ohrensausen am besten einfach überhört. Dieses Dröhnen als Sprache entziffern zu lernen, würde individuellen Willen und zweifellos hartnäckige Anstrengung voraussetzen. Wie anders denn als «religiöse» Praxis in irgendeinem Sinn soll ich mir diese Anstrengung vorstellen?

(05., 13.+23.04.2018)

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