Vaterländische Vereinnahmung

Kurt Marti ist einer der prominenten Schriftsteller, der sowohl die Kulturboykottdrohung als auch den definitiven Kulturboykott 700 unterzeichnet hat. Jetzt ist er der Aufforderung des «Schweizerischen Beobachters» nachgekommen, sich im Rahmen des «Heimatjahres 1991» mit einem aktuellen Bild eines Künstlers auseinanderzusetzen. Marti schreibt über ein Gemälde von Samuel Buri, das das Habkerntal zeigt[1]: «Heimat als Nische, als Reduit, wohin man sich zurückziehen kann, bis dass sich im Unterland die Katastrophen wieder verzogen haben? O traute Illusion!» etc.

Was Marti nicht wissen konnte: Dass er von Chefredaktor Josef Rennhard im Editorial des Hefts bis hart an die Grenzen der 700-Jahr-Feier vereinnahmt würde: « Heute: ‘Marti über Buri’. Kein Kulturboykott also im Beobachter! Vielmehr: Integration der Kultur ins Jubiläumsjahr. Provozierend manchmal. Aber was anders wäre die Aufgabe von Kunst und Literatur, als zur Nachdenklichkeit und Auseinandersetzung aufzufordern? Heute mehr denn je.» Jaja.

[1] Beobachter, Nr. 3/1991.

(06.02.1991, 21.03.1998; 12.+14.03.2018)

 

Nachtrag

Ich habe mir angewöhnt, abgeschlossene Mäander auf Facebook anzuzeigen. Als ich das auch mit dem Mäander 16 zum Kulturboykott tat, wurde ich in einem Chat auf ein Buch hingewiesen, das ich vielleicht mal gesehen, aber seit vielen Jahren vollkommen vergessen hatte: 1991 erschien ein «im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft» zusammengestiefeltes «Lexikon der Schweizer Literaturen»[1]. Darin sind unter anderen reihenweise AutorInnen aufgeführt, die der Gruppe Olten angehörten und die Kulturboykottdrohung, zum Teil auch den Kulturboykott unterzeichnet hatten – von Jürg Amann über Kurt Marti bis zu Emil Zopfi. Sogar Dres Balmer, der als Präsident der Gruppe Olten den Boykott mitorganisiert hatte, erhielt einen Eintrag (S. 17). Als Koordinator des Buches fungierte Hans Mühlethaler – bis 1987 der Sekretär der Gruppe Olten.

Der Herausgeber Pierre-Alain Walzer schloss sein Vorwort mit folgenden Sätzen: «Dass die Macht des Wortes gewisse Leute auch beunruhigen kann, hat uns kürzlich die Entdeckung der Fichen in Erinnerung gerufen. Zahlreiche Literatur- und Kunstschaffende haben sich daraufhin entschieden, die 700-Jahr-Feierlichkeiten zu boykottieren. Wir verstehen ihre Empörung. Was uns anbelangt, so antworten wir auf die Intoleranz, indem wir die Verdienste und die Qualitäten all der Schriftsteller und Schriftstellerinnen aufzeigen, die, allen Verdächtigungen zum Trotz, in der schweizerischen Kultur ihren festen und ehrenvollen Platz einnehmen.»

Vor allem beeindruckt mich Walzers raffiniert opportunistische Formulierung «so antworten wir auf die Intolerenz». Es ist nicht definitiv zu entscheiden, ob er tatsächlich jene des Staates meint oder doch eher jene der eben zuvor erwähnten boykottierenden Kulturschaffenden.

[1] Pierre-Olivier Walzer [Hrsg.] Lexikon der Schweizer Literaturen. Basel (Lenos Verlag) 1991.

(28.03.2018)