1.
Aufklärung ist jeglicher Herrschaft suspekt. Nicht wegen des konkreten Inhalts ihrer Argumente, sondern deshalb, weil Aufklärung ihre Rabulistik für veränderndes Tun hält. Suspekt ist der Herrschaft also nicht die «falsche» Rede der Aufklärung, suspekt ist ihr jegliches Reden als Tun, das nicht das ihre ist.
Darum ist die vernünftige Rede der Aufklärung der unvernünftige Versuch, die Welt zu verändern. Der vernünftige Versuch, die Welt zu verändern dagegen gründet auf der Macht, eine Veränderung durchführen, also auch: durchsetzen zu können. Wer diese Macht hat, redet nicht, sondern handelt. Ob andere das, was diese Taten bewirken, für aufgeklärt oder unaufgeklärt halten, interessiert ausser jene, die aufklären wollen, niemanden. Auch jene nicht, die Opfer dieser Taten werden.
Dies ist das erste Paradox der Aufklärung.
2.
Die Aufklärung muss zwei Dinge wollen, die sich gegenseitig ausschliessen: Einerseits muss sie das Absolute als das Niemals-Menschliche aus dem Denken bannen, um menschgemässes Denken und Handeln erst möglich zu machen; andererseits muss sie damit, also mit einer Wahrheit der bloss relativen Wahrheiten missionieren gehen.
Keinen lieben Gott anbieten zu wollen und trotzdem missionieren zu müssen: Dies ist das zweite Paradox der Aufklärung.
(11./12.08.1989; 02.01.1990; 14.+24.09.1997; 22.02.+01.03.2018)