Sprachteppich statt Wirklichkeit

«Das ist es: Ich habe keine Sprache für die Wirklichkeit. […] Das ist die erschreckende Erfahrung dieser Untersuchungshaft: ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit!»[1] Diese Erfahrung hat nicht nur die Romanfigur Anatol Stiller gemacht. Insbesondere all jene machen sie, die Grenzsituationen erleben und dafür eine subjektiv stimmige und insofern eigene Sprache suchen. Die gesellschaftliche Konvention, die die Sprache ist, leistet die als notwendig empfundene Formulierung des Einmaligen nicht, das das eigene Erleben ist: Insofern gibt es keine Sprache für die Wirklichkeit.

Im Bereich der nichtnotwendigen Sprachproduktion zumeist dunkler Berufung, in der so genannten «schönen Literatur», verkehrt sich diese Erfahrung ins Gegenteil: Hier gibt es (allzu oft) keine Wirklichkeit für die Sprache.

Texte werden «Teppiche», deren Struktur bestimmt wird durch «die Impulse, die von den einzelnen Elementen, vom Laut, von der Semantik und von der Satzstruktur ausgehen»[2]. So wird Sprache zur komponierten Kunst, zum sanft federnden Grund unter der flanierend darüber hingehenden Rezeption.

[1] Max Frisch: Stiller. Roman, in: ders.: Gesammelte Werke Bd. 3. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1986, S. 435f.

[2] Wilfred Schiltknecht: «Literatur als Widerstand bei Gerhard Meier», in: Peter Grotzer [Hrsg.]: Aspekte der Verweigerung in der neueren Literatur aus der Schweiz. Zürich (Ammann) 1988, S. 69ff. (hier S. 71). Schiltknecht verweist darauf, dass die Metapher des Sprach-«Teppichs» auf Stefan George zurückgehe und auch von Paul Nizon aufgenommen worden sei.

 (29.07.1990, 10.10.1997; 07.+13.02.2018)

 

Nachtrag 1

Jahrtausende lang diente die schriftlich aufgezeichnete Sprache dazu, Wirklichkeit abzubilden – auch in der Literatur. Dieses ästhetische Ideal wurde mit dem Begriff der Mimesis gefasst. Seit der Renaissance kam dieses Ideal unter Druck: Mimesis wurde zuerst perspektivisch, später zunehmend prekär. Immer weniger schien es Sprache für die Wirklichkeit zu geben und immer weniger Wirklichkeit für die Sprache. Unterdessen hat sich die literarische Sprache in einer neuen Gewissheit eingerichtet (man kann sie als eine Folge des Linguistic turn verstehen): Texte sind nichts (mehr) als die Wirklichkeit des verwendeten Sprachmaterials.

(12.01.2008; 07.02.2018)

 

Nachtrag 2: Poetologische Notiz

Seit dem probaten linguistic turn
kann die Welt den Roman nicht mehr störn.

(22.12.2013)

 

Nachtrag 3

Auf eine Variation von Stillers Seufzer stosse ich in Karl Ove Knausgårds Roman «Kämpfen» (Luchterhand, 2017, S. 275): «[W]ie kann man das gelebte Leben als einen Ausdruck des Lebens darstellen und nicht einfach nur als Ausdruck einer Ideologie?»

(13.02.2018)

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