Sprachgeranien aus Seelenscheisse

Beim Lesen neu erschienener Deutschschweizer Literatur (Faes, Hartmann, Marchi[1]) wieder die Frage: Wozu dient die Sprache? Dem «Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit anderen Menschen», sagen Marx/Engels in der «Deutschen Ideologie».[2] Einem Schriftsteller dient Sprache hierzulande aber vorrangig dem Bedürfnis oder eben der Notdurft des Verkehrs mit sich selber. Mit dem dudenkonfektionierten Plastikhämmerchen klopfen sie aus dem Steinbruch der Sprache einige zufällige Klümpchen Brillanz. In deren Glanz vollführen sie ihren egomanischen Tanz, der ausser ihnen selten jemand für genial hält.

Oder anders: Dieses läppische Streben nach einem deutscheren Deutsch, als wäre die hiesige – mundartlich gefärbte – Sprache eine zu kompensierende Organminderwertigkeit. Dieses sterile, musterschülerhafte Bemühen um die schönsten rhetorischen Geranien vorm «eigenen» Sprachgebäude. Dieser eidgenössische Pflichtwahn, der sich bis in die Zelebrierung einer vorbildlichen Interpunktion um Lesebuchfähigkeit bemüht. Dabei ist es so einfach: Entweder hat man etwas zu sagen, dann soll man dies tun in einer dem Inhalt des zu Sagenden adäquaten Form – oder man hat nichts zu sagen. Eigentlich müsste doch ab und zu jemand misstrauisch werden, dass LiteratInnen immer präzis im Frühling und im Herbst, wenn die Bücher herauskommen, etwas zu sagen haben und dass das, was sie unter den Nägeln brennt, immer jene 150 bis 250 Seiten umfasst, mit denen Verlage routinemässig ihre Bücher abfüllen.

Ich werfe dieser Art (männerdominierter?) Spracharbeit vor, dass sie in der Tendenz in erster Linie der Verrichtung einer psychohygienischen Notdurft dient, und dass sie der Öffentlichkeit zumutet, diese erstens zur Kenntnis zu nehmen und zweitens via Bücherkäufe mitzufinanzieren. Im Gespräch hat der Schriftsteller Beat Sterchi, den ich – als einer der wenigen – nicht zu den Psychohygienikern rechne, einmal eingestanden, einen Roman zu publizieren sei so etwas wie einen «Gagu» zu hinterlassen – ein Markieren im öffentlichen Raum, wie man es von Hunden kennt.

Aus der Notdurft, etwas gesellschaftlich Relevantes sagen zu müssen, wird so die andere, Seelenscheisse abzusondern und sie möglichst vielen Auch-Narzissmus-Geschädigten als Ware anzudrehen. Was aber bringt eine solche Literatur? Ist sie wirklich mehr als Arbeitsbeschaffung für die Druckindustrie, die bekanntlicherweise Überkapazitäten hat? (Andererseits: Was sollte ich als Mitglied der Mediengewerkschaft SJU gegen Arbeitsaufträge für die KollegInnen einer benachbarten Branche einzuwenden haben?)

[1] Die Rede ist von drei 1989 erschienenen Romanen: Urs Faes: Sommerwende. Basel (Lenos); Lukas Hartmann: Einer stirbt in Rom. Zürich/Frauenfeld (Nagel & Kimche); Otto Marchi: Landolts Rezept. Frankfurt am Main (Frankfurter Verlagsanstalt). Im Herbst 1989 arbeitete ich an der Sammelbesprechung «Dichtertanz ums Tod-Tabu», in der auch diese drei Bücher erwähnt werden.

[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Werke Bd. 3. Berlin (Dietz Verlag) 1983, S. 30.

(09; 18.11.1989; 06.+15.02.2018)

 

Nachtrag

Ich gebe zu, dass ich zwar heute einen bedeutend weniger aufgeregten und skandalisierten Blick auf die literarische Spracharbeit habe, aber dass mir das Abtippen dieser Breitseite ganz entschieden Vergnügen gemacht hat.

Allerdings: Bin ich heute nicht selber so wie jene, die ich damals mit Häme übergossen habe? «Einem Schriftsteller dient Sprache hierzulande offensichtlich dem Bedürfnis oder eben der Notdurft des Verkehrs mit sich selber.» Auch ich verkehre doch mit mir selber, indem ich solche Werkstücke für die Schublade produziere. Wo liegt der Unterschied?

Gut, ich habe kein Bedürfnis, meine Werkstücke in die Welt hinauszuposaunen, sondern den Willen, meine Weltsicht zu formulieren, weil das, was mir zu formulieren möglich ist, erst meine Weltsicht begründet. Dabei kann ich nicht damit rechnen, dass sich Leute für das interessieren, was mich interessiert. So wird mir das elektronische Erfassen, Redigieren und selten auch Reformulieren der Werkstücke – ohne den Anspruch aufzugeben, dass sie im Prinzip öffentlich diskutabel wären – zum privaten Exerzitium.

Schreiben, um das Denken voranzubringen. Schreiben, um den Bewusstseinsprozess, also die Kommunikation mit sich selber, in Gang zu halten (ich schweige erst dann, wenn ich mir selber nichts mehr zu sagen habe). Schreiben als Trotzdem auf die Frage: Wieso soll man etwas zu formulieren versuchen, von dem man nicht nur nicht weiss, ob es jemanden interessiert, sondern von dem man sogar überzeugt ist, dass es niemanden interessieren würde und deshalb absehbar einem Akt der Kommunikation dienen könnte. In die Leere hinein reden also, weil es von mir für mich – und insofern notwendigerweise – gesagt werden muss.

In die Leere hinein reden – das lerne ich übrigens nicht erst jetzt, das lernte ich als Journalist einer Nischenzeitung dort, wo ich es nicht erwartet hätte: in der Auseinandersetzung mit der so genannten Öffentlichkeit, die sich mir als stummer, trüber Spiegel mehr denn als Partner zeigte. In die Leere hinein reden: Es genügt, zu dokumentieren, dass ich diesen Weg gegangen bin, dass mir dieses und jenes aufgefallen ist, dass mir bestimmte Zusammenhänge wichtig erschienen sind – kurzum: dokumentieren, was ich gedacht habe. Damit ist klar, dass ich diese Werkstücke nicht verfasse, um sie gleich wieder wegzuwerfen. Sie sind einem späteren Ich eine Einladung, jene Denkwege zu gehen, die ich selber früher gegangen bin – eine Einladung an mich selbst, sie wieder, besser und weiter zu gehen.

Das ist mein Weg. Im Übrigen mag ich mich nicht als Bergführer andienen, der Gedankenlose sicher über Abgründe führt, die jene gar nicht zu gehen wünschen: Ich suche in der Welt der Gedanken keine tourismustauglichen Trampelpfade.

Wie es offen ist, ob meine Wege ein Ziel haben, ist es offen, ob meine Werkstücke ein Publikum brauchen über mich selbst hinaus. Und, falls sie irgendeinmal eines finden sollten: Was geht das mich an?

(17.09.1997; 06., 12.+15.02.2018)

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