«Schweizer Literatur»?

Im neuen Mitteilungsblatt des Schweizerischen Literaturarchivs (SLA)[1] wird berichtet, dass es in kurzer Zeit an den Deutschschweizer Universitäten keinen Professor mehr geben wird, der sich mit «Schweizer Literatur» beschäftigt. Die meisten der Neugewählten seien denn auch Deutsche: Sie hätten mehr Publikationen vorzuweisen als die Schweizer KollegInnen, die ihre akademischen Sporen mit zu viel Lehrtätigkeit abverdienen müssten.

In einem Interview mit der Literaturwissenschafterin Corina Caduff – sie lebt zurzeit in Berlin und in den USA – wird dann klar, dass die Beschäftigung mit Schweizer Literatur nicht nötig sei, weil es eine solche unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten gar nicht gebe. Geben würde es eine solche nur dann, wenn eine Ästhetik der Schweizer Literatur exakt abgrenzbar wäre von anderen deutschsprachigen Literaturen, was aber eben nicht der Fall sei. Deshalb erscheine in ihrer Lehrtätigkeit Literatur, die in der Deutschschweiz entstanden sei, unter anderen deutschsprachigen Texten auch nur dann, wenn sie einen Beitrag zur vorgegebenen ästhetischen Fragestellung zu leisten vermöge. Dieser Zugang befreie die Schweizer Literatur aus dem Korsett des Nationalen, zum Beispiel aus der ideologischen Enge der Nachkriegsliteratur ab 1945.

Diese Position ärgert mich. Ich verstehe Caduff so, dass sich hier eine junge Akademikerin nicht die Chancen verbauen will auf eine Professur in Deutschland oder in Österreich.

Nehme ich diese Position aber inhaltlich ernst, so wäre als erstes zu sagen: Wer nur von Literaturästhetik etwas versteht, versteht von Literatur nur das wenigste. Ich stelle mir einen Professor für Schusswaffen vor, der sich einzig mit sämtlichen ästhetischen Aspekten des Forschungsgegenstands beschäftigen würde, Materialien, Formen, Pulversorten, Baustilen etc., sich aber weigerte, Produktionsbedingungen für diese Waffen und ihre Wirkungen ideologisch und im Feld ebenfalls zu reflektieren, weil das nicht zum Forschungsgegenstand gehöre. Damit wäre zum Beispiel der Zweck der Waffe – das Töten des Gegners als ultima ratio der Konfliktlösung – eskamotiert. In der gleichen Logik funktioniert das literaturwissenschaftliche Argument Caduffs: Entstehung und Zweck des Forschungsgegenstands werden als ausserhalb des Forschungsfeldes definiert. Auf der Hand liegt die standespolitische Perspektive dieser Operation: Als ausserhalb der Literaturwissenschaft befindlich werden demnach alle gesellschaftspolitischen, sozialen, historischen, psychologischen etc. Aspekte der literarischen Texte verstanden. Heisst: Alle diese akademischen Sparten werden aussen vor gehalten als nichtliterarisch. Delegitimiert wird selbstverständlich auch die «inhaltistische» Literaturbetrachtung von unten, die von der Aussage und vom Zweck des Textes ausgeht.

Dieses Zum-Verschwinden-Bringen von Literatur als schweizerischer hat literaturpolitische Konsequenzen – insbesondere fördert sie zusätzlich die Marginalisierung der hiesigen Literaturproduktion, die seit den frühen neunziger Jahren aus verschiedenen Gründen und von verschiedenen Seiten konstatiert worden ist. Sie erklärt aber auch die schweizerische Literatur seit 1945 zu ideologisch verdorbener Literatur, die gemeint habe, es sich leisten zu müssen, in einer verzwickten Situation der Enge im Innern und der Vereinnahmung durch die eine oder andere Partei im Kalten Krieg Stellung zu beziehen.

Wenn Caduff dieses zeitgeschichtlich komplexe Umfeld von Enge und Kaltem Kriegs ignoriert und in der Deutschschweiz entstandene Literatur nur dann berücksichtigen will, wenn diese österreichische, ost- oder westdeutsche Literaturdiskurse zu erhellen vermag, dann gerät sie aus meiner Sicht selber unter Ideologieverdacht. Eine Literaturbetrachtung, die das literarische Engagement jener zum Verschwinden bringt, die in der Schweiz die Enge gesprengt und eine liberalere Öffentlichkeit erstritten haben, ist nicht so apolitisch, wie sie sich geben mag.

Ich meine selbstverständlich nicht, dass es für Leute wie mich einen Sinn hätte, mit Leuten wie Caduff zu diskutieren: Was Literatur ist, bestimmen jene, die die literaturwissenschaftlichen Pfründen besetzen, und das sind auch hierzulande, wie ich lese, immer häufiger die stromlinienförmigsten KarrieristInnen aus Deutschland. Dass im Übrigen diese Leute ihren Fachbereich so definieren, dass sie in ihm das Diskursmonopol garantiert haben, verstehe ich. Und ihre standespolitische Operation, dieses Monopol zur Wissenschaft zu erklären, auch. Niemand, der berufliche Pfründen zu verteidigen hat, kommt ohne Ideologieproduktion aus.

Was mich allerdings beschäftigt: Für mich ist völlig klar, dass die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Literatur in der Schweiz entsteht, mitbestimmt wird vom politischen System, das dieses Land steuert. Die diskursive Nullifizierung von Literatur, die in der Schweiz entsteht, bestreitet, dass eine theoriebildende Selbstverständigung, die den Einfluss des Nationalen berücksichtigt, unter jenen notwendig wäre, die sie produzieren: Über etwas, das nicht zur Sache gehört, muss man auch keine Theorie bilden. Und noch ein zweites folgt aus Caduffs literaturwissenschaftlichen Überlegungen: Wenn es keine Schweizer Literatur gibt, gibt es auch keine Schweizer Autorinnen und Autoren, sondern nur Literatur-Produzierende, die in der Schweiz leben, was aber keine Rolle spielt, weil sie ästhetisch gesehen genau das gleiche auch dann produzieren würden, lebten sie in Kenia, Chile oder auf dem Mond.

Ich denke, eine solche Sicht der Dinge können sich die SchriftstellerInnen der Schweiz eigentlich nicht leisten: «Schweizer Literatur» hätte sehr wohl eine theoretische Selbstverständigung über die spezifisch schweizerische Spracharbeit nötig, die hierzulande zu leisten ist. Nicht aus nationalistischen oder gar chauvinistischen Gründen, sondern weil dieses Land besondere gesellschaftspolitische Probleme hat, weil es eine auch politisch bedingte kulturelle Kleinräumigkeit aufweist, weil die kleinen Sprachregionen Marktverhältnisse zur Folge haben, die den wenigsten der Bedeutenden erlauben, von ihrer Arbeit zu leben etc. Für Caduff hat das nichts mit Literatur zu tun. Aber für die SchriftstellerInnen in diesem Land tangieren solche Probleme die Arbeitsbedingungen, die das Produkt ihrer Arbeit formal und inhaltlich massgeblich beeinflussen.

[1] Elio Pellin: Man entkommt diesem lästigen nationalen Gürtel – Corina Caduff über Literatur aus der Deutschschweiz als Forschungsgegenstand, in: CH-Lit. Mitteilungen zur deutschsprachigen Literatur der Schweiz, Nr. 10/2003, S. 4-6. (Für die Recherche des Links danke ich Magnus Wieland.)

(12.07.2003, 21.01.2008; 09.+14.02.2018)

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