P. M.'s Utopie im Narrenkleid

«Die soziale Phantasie bringt es und nicht ökonomische und technologische Tricks.»[1] Soziale Phantasie, in der Tat, macht P. M.’s Texte unterhaltend. Im neusten Buch «Olten – alles aussteigen» nennt er die «bolos»[2] «Grosshaushalte» (GH) und vernetzt diese in einer pädagogischen Utopie als autonome Bausteine, Einheiten von fünfhundert Personen, weltweit.

Die Aporie seiner sozialromantischen Perspektive in die Machtfrage. Der Übergang in die Welt der GH, die er als «grossen Wirren» der frühen neunziger Jahre beschreibt, sind für ihn primär ein Wertewandel. Die politischen und ökonomischen Herrschaftszentren zerfallen, verteidigt werden sie nicht: Suggeriert wird eine plötzliche, alle Interessenlagen gleichzeitig und unterschiedslos durchdringende Evidenz, dass sämtliche zentralistischen Herrschaftsstrukturen aufzuheben seien. Die international organisierte, mit unermesslicher Machtfülle, unermesslich viel Geld und unermesslichen Privilegien ausgestattete, äusserst aggressive Minderheit der Weltbevölkerung löst sich im Lichte von P. M.’s Vernunft auf wie Schnee in der Sonne. Der «Überbau» der veränderten Werte verändert spielend und spielerisch die ökonomische Basis: Zweifellos eine idealistische Wunschvorstellung, die die Welt von den Füssen wieder einmal auf den Kopf stellt.

Trotzdem hat P. M.’s Strategie der pädagogischen Utopie etwas für sich. Zwar sind seine Perspektiven, eins zu eins gelesen, naiv (besser: utopisch, also ortlos in dieser Welt), jedoch: P. M. weiss, warum er naiv erscheinen will. Er weiss als enzypklopädisch gebildeter 68er genauer als andere, dass Herrschaft hier und heute nicht direkt angreifbar ist: Ein Wertewandel muss zuerst ihre tragenden Mauern zum Bröckeln bringen. Statt in plumpe ideologische Propaganda kleidet er deshalb seine Argumente in das Narrenkleid der Fiktion. Heute tragen – zum Beispiel – P. M.’s soziale Phantasien den utopischen Gedanken weiter, der durch die realsozialistischen Praktiken möglicherweise endgültig korrumpiert worden ist. Dieser utopische Gedanke ist die Voraussetzung für jede gelebte Dissidenz gegenüber dem grundsätzlichen Unrecht der herrschenden Weltordnung.

P. M.’s Projekt ist nicht der direkte Angriff, sondern das öffentliche Gespräch und dadurch die längerfristige Untergrabung der herrschenden, destruktiven Werte. Wovon nicht nur P. M. überzeugt ist: Ohne Werte wird sich längerfristig keine Herrschaft halten können. Fiktion als Denkmaskerade und Gegen-Ideologie: das Wertesystem einer anderen Schweiz (eines anderen Europas) als emanzipativer Verblendungszusammenhang.

[1] P. M. und Freunde: Olten – alles aussteigen. Ideen für eine Welt ohne Schweiz. Zürich (Paranoia City Verlag) 1990, S. 186.

[2] P. M.: bolo’bolo, endgültige Ausgabe. Zürich (Paranoia City Verlag) 1989.

(04./05.01.1991; 22.12.1997; 13.02.2018)

 

Nachtrag 1

P. M. als Ferienlektüre (Die Schrecken des Jahres 1000. Zürich [Rotpunktverlag] 1996). Spannend ist nicht P. M.’s literarische, sondern seine intellektuelle Leistung. Seine Figuren sind ohne psychologische Tiefe, aber von grosser Präzision in Bezug auf ihre Interessenlagen und Funktionsweisen; ihr Aktionsradius ist so absehbar wie jener einer Schachfigur.

Die intellektuelle Leistung: P. M. reduziert das Universum einer weltpolitischen Situation («Jahr 1000») auf ihre Mechanik; diese bricht er hinunter bis auf die Interessenlagen einzelner unterscheidbarer Klassen, die er in Romanfiguren personifiziert. Da P. M. die Bewegungsgesetze der so konstruierten Figuren für grundsätzlich berechenbar hält, beginnt er nun – als intellektuelles Spiel mit didaktischer Pointe – die vorgegebene Weltgeschichte an einem bestimmten Punkt (im «historischen Fenster» des «Jahres 1000») aus den Fugen zu denken. Komplizierend hinzu kommt, dass die Figuren – ähnlich wie Kürmann im Stück «Biografie» von Max Frisch – in Kenntnis der Zukunft, aber mit dem Bewussteinsstand der Gegenwart argumentieren und handeln.

Die Botschaft: Die Weltgeschichte hätte ganz anders verlaufen können, aber nur dann, wenn sich die Leute nicht in die Entfremdung (Markt-Geld-Logik) hätten zwingen lassen, sondern eine weiterentwickelte Subsistenzwirtschaft (also eine Art bolo’bolo-System) verteidigt und sich von den ideologischen Herrschaftsapparaten emanzipiert hätten. Insofern verkündet P. M. hier keine neue Lehre, sondern verpackt seine alte in eine neue Form. Er sagt: Wenn wir – die heutigen ZeitgenossInnen – tausend Jahre zurück könnten und sehr, sehr vieles anders machen würden, als es unsere Vorfahren gemacht haben, dann… – dann hätten wir noch eine Chance, die menschgemässe Welt zu realisieren.

(18.07.2000, «La fornace»/Toscana; 13.02.2018)

 

Nachtrag 2

Auf die Frage, was denn nach dem Jahr 1000 schief gelaufen sei, gibt der Journalist und Autor Patrick Spät die Antwort: der «Allmende-Raub» – das heisst die Privatisierung des vormals gemeinschaftlichen Eigentums an Boden, den man als Allmende bezeichnet hat. Dieser Raub sei als «blutiger Zeitpunkt» des Beginns dessen zu bezeichnen, was man heute Kapitalismus nenne. Nur dank dieses Raubs sei es möglich gewesen, die Menschen aus der (selbstversorgenden) Subsistenzwirtschaft zu vertreiben und sie abhängig und ausbeutbar zu machen mittels Lohnarbeit. Dieser Allmende-Raub gehe – etwa in Afrika – als Water- und Land-Grabbing bis zum heutigen Tag weiter und sei im übrigen keine neue Erkenntnis, immerhin habe schon Jean-Jacques Rousseau in seinem «Discours sur l'inegalité» 1755 geschrieben: «Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‘Das ist mein’ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft» – oder eben der kapitalistischen, wie Spät sagt.[1]

Auf diesen Allmende-Raub spielt P. M. an, wenn er sagt, «eine weiterentwickelte Subsistenzwirtschaft» hätte nach dem Jahr 1000 eine andere Weltgeschichte zur Folge gehabt. Wo er recht hat, hat er recht.

[1] Patrick Spät: Die Freiheit nehm ich dir. 11 Kehrseiten des Kapitalismus. Zürich (Rotpunktverlag) 2016, S. 11ff.

(15.02.2018)

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