Eine nicht geschriebene Rezension

«Vielleicht finden Sie an diesem Werk, angesiedelt in der Zeit der Zürcher Jugendunruhen, Gefallen und Gelegenheit zu einer Rezension.» Mit diesen Begleitzeilen schickt der Zytglogge-Verlag der WoZ ein eben erschienenes Buch mit dem Titel «Reiser» zu. Der Autor heisst Rolf Bächi.

Ich habe das Buch gelesen. Ein missratener Erstlingsroman. Verwackelter Plot, der erst nach einem guten Drittel des Buches überhaupt Konturen annimmt, zufällig die Abläufe, durchhängend die Rhythmen, unfreiwillig komisch viele Metaphern, holprig die Dialoge. Die Figuren bleiben Schablonen, die Ereignisse rund um die Zürcher Jugendbewegung von 1980 (Demos, AJZ, Repression usw.) sind unverstanden und bilden bloss eine Kulisse; Thema sind die privaten Probleme des Jungmanns Reiser mit Schwanz, Welt und jungen Frauen. Im Ganzen ein Tagebuch, das mit einer nachgeschobenen Story literarischen Anspruch anmeldet und vom Verlag verkaufsfördernd als «SozioComicKrimi» angekündigt wird, dessen Sprache ein «vulgärsoziologisches Chaotenlabyrinth» sei. Einige Passagen, zum Beispiel die Beschreibung einer Vollversammlung (S. 191-194) sind tatsächlich gelungen dank Bächis spezifischer Spracharbeit; seiner – wer weiss – dadaistischen Fähigkeiten, die Sprache assoziierend und halluzinierend über jeden Inhalt hinaus ins Absurde zu treiben. Das ergibt einige schöne Effekte, aber keinen Roman.

Nach der Lektüre: Wozu sollte ich meine Argumente öffentlich machen? Zunehmende Zweifel am Rezensionswesen. Rezensionen sind Public relations für die Ware Buch, die verlogen so tut, als rede sie textimmanent. So gesehen sollte ich nur noch über Bücher reden, von denen ich möchte, dass sie gekauft werden. Ansonsten: Was geht es mich an, dass sich nun also auch ein gewisser Herr Bächi als krass unterbezahlter Heimarbeiter auf dem Buchmarkt verdingt hat?

(29.12.1990; 18.12.1997; 06.+09.02.2018)

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