Allemann lässt Trommelfelle platzen

Man kann sich das Dickicht der Begrifflichkeiten so undurchdringlich denken, ihre Vernetzungen derart komplex und weltsimulierend, dass sich das Universum der Sprache vollständig von der Wirklichkeit der äusserlichen Welt ablöst und ein autonomes, sprachreflexives Wortweltall zu bilden beginnt.

Denke ich mir Sprache so, so muss ich davon ausgehen, dass die Sprachwelt über die äussere Welt nichts mehr auszusagen vermag, weil sie ein von ihr unabhängiges, abgeschlossenes Universum bildet. Die Sprache überdreht im Leerlauf, sie beginnt zu dröhnen wie Weltendonner und alle Trommelfelle platzen.

(09.12.1989; 06.+15.02.2018)

 

Nachtrag

1991 hat Urs Allemann an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Text «Babyficker» vorgelesen. Am 30. Oktober des gleichen Jahres wurde in der Roten Fabrik in Zürich eine Diskussion um diesen Text von militanten Frauen verhindert: Sie übergossen Allemann vor der Veranstaltung mit Ölfarbe als Aktion gegen «den patriarchal bestimmten Kunstbegriff und -betrieb», wie sie auf einem Flugblatt schrieben.[1]

In einem anschliessenden, in der «Weltwoche» dokumentierten Round-table-Gespräch bestritt Allemann zwar, dass der Text ein «reines Sprachexperiment» sei. Immerhin konnte man ihn so missverstehen. Bereits in Klagenfurt war er gefragt worden, ob man das Wort «Baby» in diesem Text zum Beispiel mit dem Wort «Bierflasche» ersetzen könne. Allemann selber erläuterte in der «Weltwoche»: «Die Hauptfigur sagt: ‘Ich ficke Babys. Das ist mein Satz.’ Ziel der Erzählung ist, diesen Satz auszuprobieren.»[2]

Postuliert wird also, die zwei Sätze seien analog einem herausragend schrägen Fugenthema Material, an dem grundsätzlich nur seine Durchführbarkeit zur Komposition interessiere. Dagegen ist von feministischer Seite darauf bestanden worden, dass Sprache Realität abzubilden vermöge. Sprache als «autonomes, sprachreflexives Wortweltall» liegt dagegen ausserhalb des Universums der sozialen Verständigung. Der «Babyficker»-Text war von Allemann als verblasenem Literaten vermutlich amoralisch gemeint[3], wurde aber als Tabubruch und unmoralisch verstanden.

Was beruhigt: dass Sprache ab und zu im öffentlichen Raum auch dann noch inhaltlich verstanden wird, wenn sie mit dem weltabgewandt-elitären Gestus des Literarischen auftritt.

[1] Christian Seiler: «Das kommt ja einer Kastration gleich», in: Weltwoche, Nr. 45/1991; sowie: Verein zum Schutz misshandelter Frauen und Kinder, Zürich: «Ich ficke Babys», Flugblatt.

[2] Weltwoche, Nr. 45/1991.

[3] Hellmuth Karasek, einer der Juroren in Klagenfurt, «hätte dem Text sogar den ersten Preis, den Bachmann-Preis, gewünscht». Im Übrigen ist seine Begründung dieser Einschätzung lesenswert (siehe «Verbrechen der Phantasie», Spiegel, 08.07.1991).

(19.09.1997; 06.+12.02.2018)

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