Wann ist ein Text politisch?

Die Wahrscheinlichkeit, politisch zu sein, sei für Texte am grössten im Grenzgebiet zwischen Belletristik und Journalismus, und zwar deshalb, weil dort in kreativer Weise Sprache und Welt aufeinander bezogen würden, habe ich in der 12. These des Thesenspiels behauptet.

Das heisst vorerst: Die politische Qualität eines Textes ergibt sich nicht einfach aus den dargestellten Inhalten, sondern auch aus Formalem. Für die politische Qualität eines Textes in diesem Grenzgebiet ist es demnach zweitrangig, ob er zum Beispiel von Energiepolitik oder von Liebeskummer handelt.

Ist das so? – Ja, und zwar aus einem negativen und einem positiven Grund.

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Der negative Grund ist der: Die Diskursfelder, auf denen im öffentlichen Raum explizite politische Sachverhalte verhandelt werden, sind Spielfelder in grossen Arenen: Auf den Feldern wird nach strengen Regeln diskursiver Ritualisierung gespielt, Publikum ist selbstverständlich erwünscht, aber es spielt so wenig mit wie in einem Fussballstadion. In diesen Diskursritualen wird theatralisch zur Aufführung gebracht, in welche Richtung eine gesellschaftliche Realität politisch verändert werden soll, und zwar unter bestmöglicher Verschleierung der Interessenlagen an dieser Veränderung. Die ritualisierte Sprache, aus der die öffentlich zelebrierte Politik – auch die Literaturpolitik – grundsätzlich besteht, bezweckt in erster Linie, politisches Reden als Ausmarchung der effektiven Interessenlagen undenkbar, damit öffentlich als überflüssig erscheinen zu lassen und so zu verhindern.

In den zentralen Zonen von Journalismus und Belletristik, die es auch gibt und in denen es um die Verfügungsgewalt über die Mainstreamkanäle, um Geld und um Sozialprestige geht, werden jene Texte, die für den entpolitisierten Diskurs massgeblich sein sollen, kanonisiert und tradiert. Wer es sich zum Ziel setzt, mit der eigenen Arbeit in diese Zentren vorzustossen, ist gezwungen, diesen Diskurs reden zu lernen und fehlerfrei anzuwenden. Wer sich im Sinn der herrschenden Sprachregeln nicht eines grundsätzlich konformistischen Redens-Wie befleissigt, wird sich in den zentralen Zonen von Journalismus und Belletristik nicht lange halten.

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Der positive Grund ist der: Nicht das explizit Politische ist Aufgabe des belletristischen und des journalistischen Erzählens, sondern die Politisierung des Inhalts durch Darstellungsweisen, die wo immer nötig die Wirkungen realpolitischen Handelns zeigen als die Ursache der existierenden Probleme. In dem Mass, in dem belletristische und journalistische Reden aufzuzeigen vermögen, wie es entgegen dem entpolitisierten Politsprech tatsächlich ist, sind sie politisch.

In den Worten von Hanna Arendt, die im nachfolgenden Zitat mit den Begriffen «Romanschriftsteller» und «Geschichtsschreiber» Belletristik und Sachbuchpublizistik inklusive Journalismus unterschieden haben mag: «Die politische Funktion des Geschichtenerzählers, der Geschichtsschreiber wie der Romanschriftsteller, liegt darin, dass sie lehren, sich mit den Dingen, so wie sie nun einmal sind, abzufinden und sie zu akzeptieren … Alle diese politisch bedeutsamen Funktionen spielen ausserhalb des politischen Bereichs. Sie setzen Unabhängigkeit des Denkens und Urteilens voraus und sind unvereinbar mit parteipolitischen Bindungen und dem Verfolg bestimmter Gruppeninteressen.»[1]

Das Geschichtenerzählen, bemerkt Arendt an anderer Stelle, enthülle «die Bedeutung dessen, was sonst eine unerträgliche Folge blosser Ereignisse bliebe».[2] Erst die Bedeutung dessen, was sich ereignet, ermächtigt dazu, die Ereignisse politisch zu beurteilen. Arendts Biografin Elisabeth Young-Bruehl erwähnt: «Das Urteilen, so behauptete sie [Hannah Arendt, fl.], ist die wahrhaft politische Tätigkeit des Geistes.»[3] Deshalb ist die Ermächtigung der Menschen, ihre Erlebnisse als beurteilbare Geschichten zu verstehen, politische Zielsetzung von belletristischer und journalistischer Erzählung.

Mag sein, Peter Bichsel meint nicht etwas ganz anderes, wenn er über den Leser seiner Kolumnen sagt: «Erstens bin ich darauf angewiesen, dass der Leser mir gut gesinnt ist. Und zweitens darauf, dass er ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Ich versuche ja nicht, ihm meine Geschichte zu erzählen. Ich versuche, ihm seine Geschichte zu erzählen. Und dafür muss er sich selbst erkennen können in meiner Kolumne.»[4]

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Zudem geht es um das, was der Soziologe Aaron Antonowsky als «Kohärenzsinn» bezeichnet hat. Dieser ergebe sich daraus, dass man die eigene Geschichte erstens verstehe, zweitens handhabbar und dadurch bewältigbar mache und drittens die Fähigkeit erlange, ihr einen Sinn zu geben. So führe Kohärenz zu Empowerment.

Dieses Empowerment fristet heutzutage ein sehr befriedetes Dasein in den Diskursfeldern der Sozialwissenschaften. Empowerment meint dort in erster Linie Aktivierung von Überflüssigen aller Art, um ihre Betreuung billiger zu machen. Eine Aufgabe belletristischer und journalistischer Publizistik müsste Empowerment – verstanden als Ermächtigung zu selbstbestimmtem politischem Handeln – sein.

Die politische Bedeutung der belletristischen und journalistischen Erzählung wäre also, Menschen zum Verständnis ihrer eigenen Geschichte zu führen und dadurch zum politischen Eingreifen zu ermuntern – nicht durch Belehrung, sondern kommunikativ auf gleicher Augenhöhe durch aufklärende Unterstützung. Politische Kulturschaffende diesseits und jenseits der Grenze von Belletristik und Journalismus wären demnach jene, die ihre Autonomie zugunsten einer so verstandenen Anwaltschaftlichkeit aufgeben würden.

[1] Hannah Arendt: Wahrheit und Politik (1963) (zitiert nach: Elisabeth Young-Bruehl: Hanna Arendt. Frankfurt am Main [Fischer] 2004, S. 517f. (Im verlinkten PDF findet sich das Zitat auf S. 354f.)

[2] Hannah Arendt: Isak Dinesen, in: dies.: Menschen in finsteren Zeiten. München (Piper) 2012, S. 129.

[3] Young-Bruehl, a.a.O., S. 616.

[4] Das Magazin, Nr. 3, 20.1.2018, S. 21.

(30.7.-7.10.2012; 11.-20.01.; 18.07.2018)

 

Nachtrag

Am 13. Januar 2018 sitze ich nach einem weiteren Redaktionsumgang an diesem Werkstück beim Mittagspicknick in der Küche. Nach den Nachrichten wird im Radio als erster Beitrag des «Wissenschaftsmagazins» nach dem «Wert gelungener Erzählungen» und danach gefragt, inwiefern Erzählungen Macht hätten über die Menschen und inwiefern sie ihnen beim Überleben helfen würden.

Andrea Migliano, Anthropologin am University College in London, beginnt über ihre Forschungen beim indigenen Jäger- und Sammlervolk der Agta auf den Philippinen zu erzählen. Das seien Menschen in sehr abgelegenen Gegenden, die nicht sesshaft seien. Als sie sich mit der Art, wie man sich bei den Agta Geschichten erzähle, auseinandergesetzt habe, sei ihr aufgefallen, dass alle ihre Erzählungen sich «um Zusammenarbeit und Gleichstellung» gedreht hätten. Auch andere ihrer Untersuchungen hätten das bestätigt: «Bei den Agta ist die Kooperation sehr wichtig.» Gleichzeitig hätten verschiedene Experimente gezeigt, dass der soziale Status guter Erzähler in der Gemeinschaft höher sei als jener der guten Jäger. Die These der Anthropologin: «Gute Geschichten fördern die Zusammenarbeit, die in der Gemeinschaft der Agta so wichtig ist.»

Das kommentierende Resümee des Journalisten Thomas Häusler: Mit der Sesshaftigkeit und den dadurch entstandenen grösseren Gemeinschaften hätten solche «einfache Geschichten» nicht mehr ausgereicht, «um das Zusammenleben zu regeln». Deshalb hätten «raffinierte Menschen ein anderes Ordnungsinstrument» entwickelt, «den Glauben an mächtige und strafende Götter», die mit Hilfe der Priesterkaste ihre Gesetze durchsetzen würden.

In meinem Kopf verbindet sich dieser kurze Beitrag mit Hannah Arendts Überlegungen zur «politischen Funktion des Geschichtenerzählers» und Aaron Antonowskys Empowerment durch Kohärenzsinn:

• Im nicht-sesshaften Volk der Agta erzählen sich die Leute Geschichten von «Zusammenarbeit und Gleichstellung», um sich gegenseitig zu ermächtigen und sich für das gemeinsame Leben zu motivieren (mag sein, das ist ein Hinweis auf die Erzählkulturen prähistorischer Völker überhaupt). Die Gemeinschaft schätzt diese Empowerment-Arbeit so hoch ein, dass sie gut Erzählende mit mehr sozialem Kapital ausstattet als jene, die das tägliche Essen zu organisieren vermögen.

• Im Zeitalter der Sesshaftigkeit ist diese Erzählkultur von «raffinierten Menschen» zerstört worden. Mit dem Interesse, die gesellschaftlichen Strukturen zu hierarchisieren, Herren und Knechte zu schaffen und letztere kontrollieren zu können, haben die «raffinierten Menschen» das Erzählen in Dienst genommen für die Implementierung von Herrschaftsstrukturen, metaphysisch abgesichert durch die Erfindung von strafenden Göttern.

• Je besser diese Herrschaftsstrukturen durch technische Innovationen den repressiven Durchgriff auf die Beherrschten durchsetzen konnten, desto weniger war die angstmachende Erzählung von den strafenden Göttern nötig. So wurde die grosse Erzählung der Aufklärung möglich, die insofern logischerweise auch einen Säkularisierungsschub brachte. Die als menschheitsgeschichtlicher Fortschritt betrachtete Aufklärung steht also in dialektischem Verhältnis zum immer lückenloseren repressiven Durchgriff der Herrschaft auf jede einzelne Person. Während seiner Amtszeit von 2008 bis 2016 hat der US-amerikanische Präsident Barack Obama laufend «Kill Lists» unterschrieben und so die Ermordung von Menschen rund um die Welt ohne Gerichtsverfahren mittels Drohnenangriffen legitimiert. 2009 hat er den Friedensnobelpreis erhalten. Wer möchte bestreiten, Obama sei ein aufgeklärter Präsident gewesen?

Kein Wunder, dass jene, die hier und heute Geschichten erzählen, auf der Seite der Belletristik als skurrile Kleingewerbler der Kulturindustrie erscheinen und auf der Seite des Journalismus als oberflächliche Industriearbeiter der Medienkonzerne. Unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen gibt es keinen Grund, ihnen jenes soziale Kapital zuzusprechen, das bei den Agta mit der Erzählkunst verbunden war. Eigentlich müsste man über die politische Funktion des Geschichtenerzählens ganz von vorne nachzudenken beginnen. Und wenn nötig zum Beispiel von philippinischen Jägern und Sammlern lernen.

(14.+19.01.; 18.07.2018)

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