Neue Siege – neue Niederlagen

Nach 1900 entsteht in verschiedenen Ländern Westeuropas und in Russland eine avantgardistische Subkultur, die Mimesis und Fiktion gleichermassen verwirft. Dieser Impuls versucht die sprachästhetischen Dogmen von Mimesis und Fiktion in zwei verschiedene Richtungen zu überwinden: kunstimmanent in Richtung der Abstraktion und kunsttranszendent in Richtung des gesellschaftspolitischen Handelns.

• Im Bereich der Spracharbeit werden die kunstimmanenten Angriffe auf die Mimesis damals insbesondere vom Futurismus und vom Dadaismus geführt. Die Begriffe als Reflektoren für die mimetische Spiegelung der Welt werden «abstrahiert», in ihr lautliches Material zerlegt und zu einem selbstreferentiellen Klangteppich des Protests – für das Leben, für die russische Revolution, gegen den Ersten Weltkrieg – montiert.

• Kunsttranszendent fordern sowjetische Konstruktivisten kurz nach der russischen Revolution 1917 in einem Manifest: «Die Wirklichkeit nicht abbilden, nicht darstellen und nicht interpretieren, sondern real bauen und die Planaufgaben der neuen aktiv handelnden Klasse ausdrücken, also des Proletariats, das das Fundament der künftigen Gesellschaft baut […].» In dieser Perspektive ist die Mimesis – das «Abbilden» – obsolet geworden, weil historisch überwunden: «So kommt es, dass neue Siege an den Fronten unserer Revolution neue Niederlagen an der Front der intellektuellen Anstrengungen herbeiführen.» Indem die Revolution die kapitalistische Ordnung zerstöre und damit die Machtfrage löse, müsse sie «auch die Kultur ihres Feindes insgesamt kippen».[1]

Was sind mimetisch erzeugte, fiktionale oder nicht-fiktionale Interpretationen der Welt, wenn der historische Moment gekommen ist zu handeln?[2] Das war die Frage des revolutionären Konstruktivismus. Stalins Sozialistischer Realismus hat dann später dekretiert, dass zum Neubau der sowjetischen Gesellschaft keine solidarisch mitarbeitende, aber selbständig denkende Kunstavantgarde gebraucht wird.

Seit damals gehören zur europäischen Kunstmoderne des 20. Jahrhunderts auch im Bereich der Spracharbeit sowohl nicht-mimetische kunstimmanente Strömungen (etwa Dadaismus, Surrealismus oder Konkrete Poesie), als auch anti-mimetische kunsttranszendente Bewegungen, wie die Situationistische Internationale, deren Theoretiker Guy Debord das, was Adorno als «Kulturindustrie» bezeichnet hatte, in den Begriff «Spektakel» fasste und definierte: «Das Spektakel ist die Erhaltung der Bewusstlosigkeit in der praktischen Veränderung der Existenzbedingungen.»[3] Was innerhalb dieses Spektakels als Werk erscheint, stellt sich in den Dienst seiner Affirmation.

[1] Aleksej Gan: Der Konstruktivismus, in: Boris Groys/Aage Hansen-Löve: Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2005, hier S. 335 + 290f.

[2] Nichts anderes sagt die 11. Feuerbachthese von Karl Marx: «Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.» (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 3. Berlin (Dietz Verlag) 1983, S. 7.

[3] Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Hamburg (Edition Nautilus) 1978, S. 13.

(bis 11.11.2012; 08.+16.01.; 17.07.2018)

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