Expression und Nachahmung

In seiner «Geschichte der Ästhetik» unterscheidet Norbert Schneider ästhetische Zugänge, die einer «Expressionstheorie» und solche, die einer «Nachahmungstheorie» zugerechnet werden können.[1] Er definiert wie folgt:

• Die Expressionstheorie bezeichnet er als ein «endogenes Erklärungsmodell». Bei ihm «ist der Gesichtspunkt der Wahrnehmung und Reproduktion eines in der äusseren Realität gegebenen Motivs sekundär. Die Quelle und das Movens künstlerischen Schaffens liegt ihr zufolge im Innern des Künstlers, in seinen Empfindungen oder seiner selbstreflexiven Intellektualität.» Nach Schneider führt hier eine Linie vom altgriechischen Kunstimpuls der rauschhaften Verzückung, der «manía», über das Pathos des Kunstgenies im 19. Jahrhundert bis zu «den meisten avantgardistischen Kunsttheorien» des 20.

• Die Nachahmungstheorie als «exogenes Erklärungsmodell» habe «bis an die Schwelle der Moderne unbefragt normative Kraft besessen». Hier geht es darum, dass Kunst Natur nachahmt («Ars imitatur naturam»), weshalb sie zur Natur «in einem dienenden Verhältnis» stehe im Sinn von Leonardo da Vincis Satz: «Diejenige Malerei ist am lobenswertesten, welche mit dem nachgeahmten Gegenstand am meisten übereinstimmt.»

Im Sinn von Schillers Forderung nach einer «Kunst des Scheins»[2] habe sich Kunst im 19. Jahrhundert vom mimetischen Dienst immer mehr emanzipiert, so Schneider: «[Kunst] erlangt den Status einer ‘reinen’, autonomen Kulturtechnik um den Preis des Verlusts ihrer Bindung an die Natur.»

Im Rahmen meiner Überlegungen wird klar: Das heutige belletristische Feld steht unter dem Zeichen der Expressionstheorie (soweit es nicht – ich denke an die kulturindustrielle Romanproduktion – im 19. Jahrhundert stehen geblieben ist); das journalistische Feld steht im Zeichen der Nachahmungstheorie.

Mimesis als Dienst an der Abbildung von Natur ist für die heutige Belletristik Sache des Journalismus resp. kunstfern – aus Sicht von Schneider allerdings nicht nur zum Vorteil der Kunst: «Indem sich Kunst von der Natur immer mehr entfernt und damit ihre ehemals wichtige Funktion aufgibt, mit ihrer topischen Forderung nach Mimesis ein ökologisches Bewusstsein wachzuhalten und einzuklagen, reduziert sie sich auf ihren fiktionalen Charakter.»

Das ist der ästhetische Grund, warum sich das journalistische Feld vom belletristischen zuerst emanzipieren musste und später in der öffentlichen Bedeutung den Grenzverlauf zwischen beiden Feldern zu seinen Gunsten verschieben konnte. Die Abbildung der Welt hat weder ihre Faszination noch ihre Nachfrage verloren, als sich die Spracharbeit als Kunst vermehrt der «Expression» zuzuwenden begann.

 [1] Im Folgenden: Norbert Schneider: Geschichte der Ästhetik von der Aufklärung bis zur Postmoderne. Stuttgart (Reclam) 1996, S. 12-16.

[2] Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen: Sechsundzwanzigster Brief, in: ders.: Sämtliche Werke. München (dtv) 2004, V/S. 570.

(bis 11.11.2012; 09.+17.01.; 17.07.2018)

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