Die drei Zeitalter der Mimesis

Es gibt sowohl in der Belletristik wie im Journalismus Methoden, die eigene Rede subjektiv sinnhaft zu machen. Während in der Belletristik zum Beispiel mittels innerem Monolog nichtauktorial erzählt wird, wählt der Journalismus dafür insbesondere die Form der Reportage.

Dem Reporterblick im Journalismus entspricht demnach die nichtauktoriale Erzählperspektive in der Belletristik. Trotzdem ist eine Erzählung keine Reportage und umgekehrt.

Die Differenz ist eine des Umgangs mit dem Phänomen der Mimesis. Mimesis – so verstehe ich es –, bezeichnet die methodischen Möglichkeiten, wie die Welt mit der Sprache nachgeahmt werden kann.

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Obschon der Begriff der Mimesis gleichermassen für die Methodenfragen der Weltspiegelung in allen künstlerischen Umsetzungsverfahren steht, ist der Zweck dieser Verfahren zu verschiedenen Zeiten ein sehr unterschiedlicher. Ich denke mir eine Geschichte der Mimesis in drei Zeitaltern:

Das erste Zeitalter reicht von den historisch dokumentierten Anfängen bis in die Zeit der Renaissance. Jahrtausendelang, so scheint mir, stand Mimesis grundsätzlich im Dienst der jeweils Herrschenden. Welt wurde genau insofern betrachtet und künstlerisch umgesetzt, als sie sich mit der Macht dieser Herrschenden in Übereinstimmung befand respektive der Erhaltung und Erweiterung dieser Macht dienlich war. Die künstlerische Umsetzung fokussierte das Machtzentrum des sozialen Raums, in dem die Kunst entstand: Dieses Zentrum war Gott, respektive der Herrscher als Statthalter dieses Gotts. Kunst war die Ideologie, die die Herrschaftsverhältnisse im metaphysisch Schönen verankerte. Ideologie war die Kunst, die Herrschaftsverhältnisse in Kunstwerke zu übersetzen.

Künstlerischer Ausdruck, der die Welt in einer anderen, ideologiekritisch reflektierten Weise zu fassen versucht hätte, wäre in diesem ersten Zeitalter der Mimesis nicht tradiert, sondern entweder als Häresie und Hexenwerk verfolgt oder als heiliger Wahnsinn kanonisiert und so neutralisiert worden.

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Das zweite Zeitalter der Mimesis setzt mit der Renaissance ein. Hier entstehen erste Nischen einer sich ausdifferenzierenden Perspektive auf die Gesellschaften. Auch der sprachkünstlerischen Arbeit in diesen Nischen erschliessen sich neue Möglichkeiten der mimetischen Umsetzung von Welt: Mimesis dient nicht mehr – statisch – der Spiegelung des Zentralgestirns im vorgegebenen Machtuniversum, sondern geht über zur Spiegelung des Machtgefüges anhand einzelner Gesellschaftsschichten. Damit wird Mimesis zu einem neuen – bewegten – Phänomen: In dem Mass, in dem einzelne soziale Räume von innen gespiegelt erscheinen, werden andere bloss noch von aussen gezeigt.

Die hohe Zeit dieser perspektivischen Mimesis im Bereich der Spracharbeit ist die realistische Romankunst des 19. Jahrhunderts. Im bürgerlichen Zeitalter mit der klar geschichteten Gesellschaftsstruktur spiegeln bedeutende belletristische Leistungen in jeder geschilderten Einzelfigur gleichzeitig auch die Gesellschaftsschicht, der sie angehört. Das gilt nicht nur für Balzac, Fontane oder Dostojewski, sondern zeitverzögert auch für die Autoren der literarischen Provinz Deutschschweiz. Gottfried Keller zeichnete die freisinnig-radikale Schweiz, Jeremias Gotthelf die protestantisch-konservative, Carl Spitteler eine utopisch überhöht bürgerliche, Meinrad Inglin später das real existierende Bürgertum, Jakob Bührer und C. A. Loosli die Welt der Werktätigen und Max Frisch das Milieu jener nonkonformistisch Linken, die die Werktätigen langsam, aber sicher aus dem Blick verloren etc.

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Das dritte Zeitalter der Mimesis beginnt spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg 1945. Die geschichteten gesellschaftlichen Strukturen in den hochindustrialisierten westlichen Ländern beginnen sich aufzulösen. Die Welt wird unübersichtlicher, die Perspektive des Blicks entweder enger oder ungefährer. Die Welt, der sich der einzelne Mensch gegenübergestellt sieht, verliert an mimetischer Repräsentativität.

Es wird immer schwieriger, Mimesis aus der Perspektive einer konsistenten gesellschaftlichen Schicht in Sprache zu setzen. Der Journalismus, der sich weiterhin um perspektivische Mimesis bemüht, tut das immer mehr nur noch aus der Interessenlage jener gesellschaftlichen Player, die ihn finanziell ermöglichen. Die Parteipresse, die bisher im Sinn des zweiten Zeitalters der Mimesis bestimmte gesellschaftliche Schichten fokussiert hat, geht unter. Die entstehenden Forumsmedien versuchen, ohne gesellschaftspolitische Ambition einen möglichst grossen Teil des Marktes anzusprechen, was sie mit grundsätzlich mutlos eingemitteten Texten zu tun versuchen, die sie selber für «objektiv» geschrieben halten.

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Auch wegen des Zerfalls der Repräsentativität mimetischer Abbildung sind um 1900 im Grenzgebiet von Journalismus und Belletristik drei unterscheidbare Felder entstanden:

• ein belletristisches Feld, das mit schrumpfender Repräsentativität mimetisch und fiktional abbildet;

• ein avantgardistisches Feld, das weder fiktional, noch mimetisch – und gerade deshalb allgemeingültig – abbilden will;

• ein journalistisches Feld, das Welt punktuell mimetisch, aber nicht fiktional abbildet.

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Während dieser drei Zeitalter ist der Mimesis immer die gleiche Idee zugrunde gelegen: Welt wird wahrgenommen und im vorgegebenen Medium nachgeahmt. Allerdings hat sich das Ziel, das diese nachahmende Umsetzung erreichen wollte, dreimal radikal verändert:

• Im ersten Zeitalter sollte die Aussenwelt unhinterfragbar «objektiv» gespiegelt werden.

• Im zweiten Zeitalter sollte die Aussenwelt «perspektivisch» gewichtet und insofern verzerrt aus der Position des subjektiven sozialen Standorts gespiegelt werden.

• Im dritten Zeitalter wurde Mimesis auseinandergebrochen in die Perspektive der Belletristik, die die Subjektivierung von Mimesis durch Fiktion vorantrieb, in die Perspektive der avantgardistische Mimesis-Verweigerung und in die Perspektive des Journalismus, der die Objektivierung von Mimesis zur ideologischen Geschäftsgrundlage machte.

(bis 11.11.2012; 08.+09.+15.01.2018)

 

Nachtrag

Die Postulierung einer perspektivischen Mimesis, die mit der Renaissance auch in der Spracharbeit eingesetzt habe, ist nur dann plausibel, wenn eine vorausgehende Annahme akzeptiert wird: Angenommen werden muss, dass innerhalb der Sprache ein perspektivisches Verfahren möglich sei, obschon der mimetischen Bemühung, Welt abzubilden, innerhalb der Sprache nicht, wie in der Malerei, das Spiel mit Winkelgrössen oder Linienverkürzungen möglich ist.

Sprachliche Mimesis ist kein materialimmanentes Phänomen, sondern ein soziales. Wie die Perspektive im Bild auf den Standort des Abbildenden im Raum schliessen lässt, lässt die Perspektive im Text auf den sozialen Ort des Redenden schliessen. Die Freisetzung der perspektivischen Mimesis auch in Texten hat deshalb sprachliche Produktionen seit der Renaissance zu eminent politischen Phänomenen gemacht.

Dass es seither zur rhetorischen Kunstfertigkeit gehört, den sozialen Ort der eigenen Rede von Fall zu Fall zu verschleiern, um das eigene Schaffen möglichst allgemeingültig erscheinen und eigene Interessen verschwinden zu lassen, spielt hier keine Rolle: Es liegt auf der Hand, dass mit der Einführung der Perspektive in die Rede, deren Ver- und Entschleierung – also Ideologiebildung und Ideologiekritik – zentral geworden sind. Und zwar gleichermassen diesseits und jenseits der Grenze von Belletristik und Journalismus.

(bis 1.11.2012; 08.+15.01.2018; 16.07.2018)

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