Zwei Arten, dumm zu sein

So wie es dumm ist, sich vor einen Baum zu stellen und, um ihn verstehen zu können, zu fragen: Warum wächst du?, so ist es dumm zu meinen, man könne einen Menschen verstehen, ohne zu fragen: Warum tust du das, was du tust?

Das Wort «warum» vermag nichts im Universum der Natur, aber ohne es erklärt sich nichts im Universum des Sozialen. Wer Werden und Vergehen mit dem Wort «warum» zu erforschen versucht, dafür aber die soziale Ordnung als unabänderliches Schicksal hinnimmt, ist an sich ein zweifacher Dummkopf und für sich nicht selten ein armer Tropf.

(25.08.1997)

 

Nachtrag

Anders: Wer Werden und Vergehen in der Natur nicht als unabänderliches Schicksal annimmt, sondern als Auftrag, sich die Erde gewinnbringend untertan zu machen, macht sie, wie immer klarer wird, für die eigene Spezies auf unumkehrbare Weise zum lebensfeindlichen Raum. Aber vorderhand gelten jene noch als naiv, die die Natur nachhaltig bewirtschaften, statt gewinnmaximierend ausbeuten.

Wer umgekehrt die soziale Ordnung als unabänderliches Schicksal nimmt, ist wohlgelitten bei jenen, die dieses Schicksal verkörpern. Ärgerlich sind bloss die, welche Bertolt Brecht im «Lob des Revolutionärs» besingt als Leute, die die Namen nennen, wo «von Schicksal die Rede ist».[1]

[1] Bertolt Brecht: Gedichte 2 (Gesammelte Werke 9). Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1967/1976, S. 466f.

(24.11.2017; 05.07.2018)

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